WASCHBÄREN – HALTUNG UND BESCHÄFTIGUNG

 

Aber wenn du mich zähmst, wird mein Leben wie durchsonnt sein.

(Antoine de Saint-Exupéry – Der Kleine Prinz)

 

·        EIN WORT ZU WILDTIEREN IN MENSCHENHAND

·        DAS WASCHBÄRENGEHEGE

·        EINZELHALTUNG, PAARHALTUNG, GRUPPENHALTUNG

·        FÜTTERUNG, GESUNDHEITSPFLEGE

·        EIGENHEITEN

·        BESCHÄFTIGUNG

 

EIN WORT ZU WILDTIEREN IN MENSCHENHAND

Ich sitze beim Tierarzt im Wartezimmer. Meine Bärchen Monty und Paul befinden sich in einer Transportbox, die vor mir auf dem Boden steht. Ein Mann kommt herein. Sein Blick fällt auf die Box: „Iiiiih! Waschbären!“ – Gesten des Abscheus. „Von denen habe ich schon mindestens fünfzehn erschlagen. Die Biester machen einen gewaltigen Schaden auf meinem Hof!“

Ja, ich bin eine Gegnerin des Auswilderns von handaufgezogenen Wildtieren und ich denke, diese Geschichte zeigt deutlich, weshalb ich mich vehement dagegen ausspreche.

Gerade Waschbären werden als „Schädlinge“ betrachtet und erbarmungslos verfolgt. In der Jagd gibt es nicht einmal eine Schonzeit, so dass immer wieder Waschbärenbabys verwaist aufgefunden werden – wie das bei unseren Tieren auch der Fall war – oder eben verhungern.

Wer verwaiste Waschbären-Kinder mit viel Mühe und Liebe aufzieht, sollte sich vielleicht auch klar machen, dass diese Tiere gelernt haben, dem Menschen zu vertrauen, und ihre Chancen, in freier Wildbahn zu überleben, daher noch geringer sind, als die ihrer in der Natur aufgewachsenen Artgenossen – es sei denn, man findet einen geschützten Bereich, zum Beispiel einen Wildpark, der die Tiere aufnimmt.

All das habe ich auch einer anderen Tierärztin geantwortet, bei der ich lediglich etwas Aufzuchtmilch eingekauft habe und die mich sofort fragte, als ich erwähnte, sie sei für Waschbären-Babys bestimmt: „Sie werden sie doch sicher auswildern?“

Wer Wildtiere hält, egal aus welchem Grund und welche Art, wird immer wieder mit solchen Fragen konfrontiert sein. Und sie werden immer wieder mit vorwurfsvollem Unterton gestellt werden. Aber sind sie berechtigt?

Ich finde: nein. Selbstverständlich muss man die Bedürfnisse der Art, die man hält, genau kennen, um den Tieren ein gutes Leben zu gewährleisten. Aber ist das nicht auch bei Haustieren so? Ist der Unterschied zwischen Wildtieren und Haustieren wirklich so groß? War nicht jede Haustierart irgendwann „wild“? Auch ein Mustang, der irgendwo in Amerika eingefangen wird, verhält sich wie ein Wildtier. Dasselbe gilt für verwilderte Hauskatzen und man könnte unzählige weitere Beispiele anführen. Ist mein Minischweinchen nun ein Haustier, weil das Schwein zu den Haustieren zählt? Dafür war es allerdings sehr misstrauisch Menschen gegenüber, es war ja keineswegs „zahm“ als ich es bekam! Oder ist es doch ein Wildtier, da es wilde Vorfahren hat (afrikanische und asiatische Kleinwildschweine)? Was ist das überhaupt, ein „Haustier“?

Domestikation, die Haustierwerdung, meint einen Prozess, in dessen Verlauf sich Unterschiede in einer Reihe struktureller, physiologischer und ethologischer Eigenschaften im Vergleich zur Stammart entwickelt haben. So können neben äußerlichen Veränderungen manche Verhaltensweisen bei domestizierten Formen häufiger oder seltener auftreten, als bei der Stammart. Bei Haustieren kann z. B. eine sogenannte Hypersexualisierung (Häufigkeitssteigerung sexueller Reaktionen, weniger ausgeprägte Bindung des Sexualverhaltens an bestimmte Jahreszeiten) vorkommen. Haustiere reagieren im sozialen Bereich oft nicht so fein auf Auslösemechanismen wie Wildtiere, im Bereich des Lernverhaltens scheint es bei Haustieren zu einer Abnahme der Leistungen zu kommen, was meiner Meinung nach aber auch daran liegen dürfte, dass viele Haustiere kaum die Möglichkeit und wenig Anreiz zum Lernen haben.

Insgesamt sind domestikationsbedingte Verhaltensänderungen lediglich quantitativer Natur. Und all diese Veränderungen im Zuge der Haustierwerdung erklären so gut wie gar nicht, weshalb ein bedürfnisgerecht gehaltenes Wildtier – im Gegensatz zu einem Haustier – unter dem Leben in menschlicher Obhut leiden sollte. Und dieses „Leiden“ ist schließlich das Hauptargument gegen die Wildtierhaltung. Ohne Berücksichtigung der Vorgeschichte und der Haltungsbedingungen ist da von einem Leben „in Gefangenschaft“ die Rede und diese so übliche, selbstverständliche Redewendung weckt grauenhafte Bilder der Trostlosigkeit ...

Ist es denn aber wirklich so, dass die „Sehnsucht nach der Freiheit“ Wildtiere in Menschenhand ein Leben lang umtreibt, wie viele Leute meinen? Ehrlich gesagt halte ich diese Vorstellung, vor allem dann, wenn sie sich auf in menschlicher Obhut aufgewachsene Tiere bezieht, für eine Projektion, eine Vermenschlichung letztlich. Das, wonach sich von Menschen aufgezogene Wildtiere offensichtlich zu sehnen scheinen, wenn man es ihnen entzieht, ist ihr vertrauter Lebensraum und der Kontakt zu den ihnen vertrauten Lebewesen, also auch „ihren“ Menschen – und sie werden immer wieder versuchen, zu diesen zurückzukehren und ob ein Tier sich in Menschenhand wohlfühlt, hängt nicht davon ab, ob es Haustier oder Wildtier ist, sondern vor allem davon, ob es mit Menschen sozialisiert ist und ob es seinen Bedürfnissen entsprechend gehalten wird.

Die einzige Kraft, die stärker sein kann als die Anhänglichkeit an vertraute Menschen und das vertraute Revier, ist die Sexualität. Kastrierte Waschbären z. B. könnte man im Grunde ohne weiteres wie Freilaufkatzen halten. Man kann die Türen ihres Geheges öffnen, sie werden immer wieder zurückkommen. Das Problem besteht darin, dass sie durch Verkehr und Bejagung in großer Gefahr sind und dieses total freie Leben eben nach Waschbärenart gestalten werden, was möglicherweise die Haftpflichversicherung des Halters nicht auf Dauer mitmacht. So berichten die Waschbärenforscher Hohmann und Bartussek über die „Schandtaten“ des Freigänger-Bären Willi, der nicht nur den Zierfisch- und Hühnerbestand der Nachbarn drastisch reduzierte, sondern auch ein schmuckes Häuschen, das mit einer Katzenklappe ausgestattet war, während eines vierzehntätigen Urlaubes des Besitzers nach seinem Geschmack „umgestaltete“. Nachdem es durch meine Unvorsichtigkeit meinen beiden Bärchen einmal möglich war, einen Abend ungestört in meinem Zimmer zu verbringen, habe ich eine plastische Vorstellung von diesem Anblick. Es sah aus, als habe ein Hurrikan gewütet.

Bleibt noch das Argument mit der Größe des Reviers, das oft ins Feld geführt wird. Von „endlosen Weiten“, riesigen Wäldern und „unbegrenzter Freiheit“ ist da die Rede. Speziell die unbegrenzte Freiheit ist eine rein menschliche Vorstellung und ein alter Traum der Menschen, der letztlich doch immer Illusion bleibt. Mit dem Leben von Tieren hat dieser wenig zu tun. Im Tierreich richtet sich die Größe des Reviers nachweislich nach den vorhandenen Ressourcen. Nicht die Ausdehnung eines Gebietes bestimmt darüber, ob ein Revier als idealer Lebensraum empfunden wird oder nicht, sondern ob dieses dazu angetan ist, die Bedürfnisse des in ihm lebenden Tieres zu befriedigen. Letztlich entscheidet dieser Punkt darüber, ob wir als Menschen unseren Tieren, unabhängig davon, ob es sich um Wildtiere oder Haustiere handelt, ein lebenswertes, gutes Leben ermöglichen können. Und ich denke, wir sollten dabei nicht vergessen, dass immer mehr Wildtiere in menschlicher Obhut leben müssen, schon, um bestimmte Arten überhaupt zu erhalten.

Und es scheint mir einen weiteren wichtigen Aspekt der Wildtierhaltung zu geben. Nur durch intensives Zusammenleben erschließt sich uns das Tier wirklich in all seinen Fähigkeiten und Möglichkeiten. Aus der Erfahrung tierischer Potenziale entsteht Achtung und Respekt vor dem Mitlebewesen. Aus dem hautengen Umgang entsteht Nähe. Aus der Nähe entsteht Vertrautheit. Wer Tiere achtet und respektiert, wer mit ihnen vertraut ist, wird sie schützen.

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DAS WASCHBÄRENGEHEGE

Waschbären können in einem Außengehege oder auch in einem extra für sie gestalteten, entsprechend großen Raum im Haus gehalten werden.

Wie jede Wildtierhaltung ist die Haltung von Waschbären genehmigungspflichtig. Man wendet sich dazu an das zuständige Landratsamt und wird erst mal mit einem langen Fragebogen bedacht, der auszufüllen ist. Ein Plan des Geheges muss vorgelegt werden – dieses wird später vom Amtstierarzt überprüft. Wildtierhalter müssen nachweisen, dass Sie die erforderliche Sachkenntnis besitzen, die Tiere richtig zu betreuen und vieles mehr.

Das Waschbärengehege für zwei Tiere muss bei einer Grundfläche von mindestens 20 qm und einer Höhe von 2 m mit Klettermöglichkeiten, Höhlchen und Planschbecken ausgestattet sein, unabhängig davon, ob sich dieses im Haus oder draußen befindet. So weit die Vorschrift.

 

 

Wir wollten unbedingt ein Außengehege, da wir uns, zusammen mit den  anderen Tieren in der warmen Jahreszeit viel im Garten aufhalten und die Vorstellung nicht sehr attraktiv fanden, jedes Mal auf den Dachboden, den einzigen Innenraum mit der erforderlichen Größe, klettern zu müssen, wenn wir mit unseren Bärchen zusammen sein wollten.

 

 

 

Nette, erfahrene Waschbärenhalter, die uns auch unsere Bärchen Monty und Paul vermittelt hatten, rieten uns von einer reinen Außengehege-Haltung ab. Der Grund ist, dass Waschbären sich im Winter total zurückziehen, wenn sie ausschließlich draußen sind. Sie halten keinen Winterschlaf, fressen aber kaum und verbringen die meiste Zeit in ihren Schlafhöhlen. Auf diese Weise verliert man leicht den Kontakt zu den Tieren – und weiß letztlich auch nie, ob es ihnen wirklich gut geht, denn Krankheiten oder andere Probleme können in dieser Zeit des Rückzugs leicht übersehen werden. So entschlossen wir uns zu einer kombinierten Innen- und Außenhaltung. Ein kleinerer Raum (etwa 10 qm) wurde für die Bärchen eingerichtet und ein 28 qm großes, an den Seiten 2,5 m und am Giebel 3m hohes Freigehege angebaut.

Das Freigehege braucht ein in den Boden eingelassenes Betonfundament, da die Bären auch graben. Damit sie das ausreichend tun können, ist es jedoch sinnvoll, im Gehege selbst den Naturboden belassen.

Als Gitter bewährt sich kleinmaschiges Drahtzaungeflecht. Alles muss sehr stabil gebaut sein, denn Waschbären sind Meister im Auseinanderbauen von Dingen und zerlegen alles, was sie in die Finger kriegen mit großer Ausdauer und Hingabe. Kletterbäume, Holzhäuschen, zwei Planschbecken und eine größere erhöhte Plattform zum Toben, die regelmäßig am Vormittag für brüderliche Raufspiele genutzt wird, gehören mit zur Grundausstattung. Besonders beliebt ist der Dachstuhl des Geheges, der aus stabilen Vierkantbalken besteht. Hier wird in waschbärentypischer Art „upside down“ geklettert und sogar Fangen gespielt.

Im Innenraum gibt es neben den Schlafhöhlchen, einem Natur-Kletterbaum und einem Bottich zum Planschen mehrere Katzenklos, sowie Katzen-Kratzbäume. Letztere sind bei Waschbären außerordentlich beliebt. Es ist ihnen jedoch kein langes Leben beschieden, da man sie schließlich auch mit etwas Geduld auseinander bauen und die Bezüge abmontieren kann. Zum Glück gibt es Kratzbäume immer wieder mal sehr billig als Sonderangebot.

Wie naiv unsere Vorstellung war, ein Linoleumboden sei praktisch, leicht zu reinigen und stabil, haben wir inzwischen gelernt. Waschbären schaffen es nicht nur ohne weiteres, verklebte Bodenbeläge herauszureißen, sie kriegen auch mitten im Raum Löcher in den Belag. Um das Fliesen des Bodens kommt man also wohl nicht herum.

In der wärmeren Jahreszeit können die Bärchen frei wählen, ob sie sich drinnen oder draußen aufhalten möchten. Im Winter ist der Raum nur ganz leicht temperiert und hier wird übernachtet. Die Wintertage verbringen die Bärchen im Feigehege, obwohl sie in dieser Zeit deutlich weniger spielen und sich meist schnell in ihr Baumhaus zurückziehen.

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EINZELHALTUNG, PAARHALTUNG, GRUPPENHALTUNG

Bis vor gar nicht allzu langer Zeit waren die Tierforscher überzeugt, Waschbären seien typische Einzelgänger. Inzwischen weiß man um das differenzierte Sozialleben der Tiere.

Nach dem neuesten Stand der Forschung treten vorrangig drei Formen des Zusammenlebens auf: die Mutter-Kinder-Familie, die lockere Fusion verwandter Fähen und die Koalition nicht verwandter Rüden.

Es ist nicht ganz einfach, aus diesen Ergebnissen so etwas wie die ideale Haltungsform abzuleiten. Mit einiger Sicherheit kann man jedoch sagen, dass es nicht günstig sein wird, ein Männchen und ein Weibchen gemeinsam zu halten.

„Es ist bis zu diesem Zeitpunkt zurecht der Eindruck entstanden, Fähen und Rüden leben eigentlich in zwei verschiedenen Welten“, schreiben die Waschbären-Forscher Hohmann und Bartussek. „Zwischen den Geschlechtern waren Interaktionen eher die Ausnahme. Während einer kurzen Phase im Jahr ändert sich das Verhältnis zwischen Rüden und Fähen grundlegend, denn meist im Spätwinter beginnt die Paarungszeit oder Ranzzeit.“ (Ulf Hohmann und Ingo Bartussek: Der Waschbär. Verlagshaus Reutlichen. Oertel + Spörer. 2001)

Da Waschbären zu Männerfreundschaften neigen, auch wenn diese in der Natur eher nicht unter Brüdern entstehen, entschlossen wir uns doch, aus dem Wurf verwaister Bärenkinder, der aus zwei Rüden und drei Fähen bestand, die beiden Rüden aufzunehmen. Diesen Entschluss haben wir nie bereut. Die Bärenbrüder verstehen sich hervorragend und spielen viel miteinander. Ab und an möchte jeder für sich sein, dann ziehen sie sich in getrennte Höhlchen zurück.

Mit allen anderen möglichen Haltungsformen haben wir keine Erfahrung.

Eine Einzelhaltung stelle ich mir allerdings sehr schwierig vor. Waschbären sind hochaktive Tiere und ein Artgenosse zum Spielen, Kuscheln und Raufen deckt einen großen Teil dieses Bedürfnisses nach Kontakt und Beschäftigung ab. Ein einzelner Waschbär müsste also in engem Kontakt zu seiner Ersatz-„Waschbärengruppe“, den Menschen, in der Wohnung gehalten werden. Eine Wohnung wirklich waschbärensicher zu gestalten, ist eine heftige, wenn nicht unlösbare Aufgabe. Menschen, die ein einzelnes Findelkind aufziehen, tun also wahrscheinlich gut daran, sich möglichst schnell nach einem zweiten, gleichgeschlechtlichen Bärchen umzusehen, sodass eine Gehegehaltung möglich wird. Gerade im Frühjahr und im Frühsommer gibt es eine Menge Bärenkinder, die ein gutes Zuhause suchen.

Die Haltung einer größeren Gruppe in einem sehr großen Gehege kann sicherlich den Bedürfnissen der Tiere entgegenkommen. Ihr Nachteil ist jedoch, dass erfahrungsgemäß die Mensch-Tierbeziehung bei Gruppenhaltung nicht so intensiv sein wird. Und wer möchte schon wirklich Tiere halten, welcher Art auch immer, um sie ausschließlich zu versorgen und zu beobachten?

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FÜTTERUNG, GESUNDHEITSPFLEGE

Bei der Fütterung haben wir uns weitgehend an die Ratschläge von Hohmann und Bartussek gehalten. Waschbären-Babys werden mit Katzen-Aufzuchtmilch großgezogen. Danach wird den „Allesfressern“ eine gemischte Kost angeboten. Die Grundnahrung ist erstklassiges Trockenfutter für Katzen, daneben gibt es süßes Obst, z. B. Bananen, Birnen, Weintrauben, etwas Quark, Getreideprodukte und gelegentlich ein Ei. Viele Waschbären scheinen rohes Fleisch nicht zu nehmen, aber selbstgefangene Mäuse mit Begeisterung zu verspeisen. Bei uns werden allerdings auch gefangene Mäuse liegen gelassen. Selbst dann, wenn ein Waschbär eine Vorliebe für Frischfleisch entwickeln sollte, darf auf keinen Fall Schweinefleisch gefüttert werden.

Im Herbst werden die Bärchen sehr gefräßig. Sie sollen und dürfen auch – je nach Haltungsform mehr oder weniger – Winterspeck ansetzen. Während der Wintermonate brauchen sie bei Innen- oder kombinierter Innen-Außenhaltung weniger Futter, bei reiner Außenhaltung noch weniger. Wenn draußen gehaltene Waschbären bei großer Kälte eine Zeit lang überhaupt nicht fressen, ist dies kein Grund zur Sorge. Es ist die Zeit, in der sie auch in der Natur kaum Futter finden würden.

 Waschbären werden wie Katzen regelmäßig entwurmt und geimpft (Staupe, Leptospirose, Parvovirose und Tollwut). Gegen Ektoparasiten (Flöhe, Zecken u. ä.)  beugt man am besten mit einem Spot-on-Präperat vor, das sich problemlos auftragen lässt.

 Wenn wir Waschbären nicht in Riesengehegen, in großen Gruppen und mit der Absicht, Nachwuchs zu züchten oder Nachzucht wenigstens zuzulassen, halten, bin ich der Ansicht, dass es besser ist, die Tiere kastrieren zu lassen. Mit Eintreten der Geschlechtsreife kommt es bei Rüden zu erheblicher Territorial-Aggression. Die Rüden werden sich in ihrem Gehege nicht mehr wohlfühlen und auszubrechen versuchen. Auch weibliche Tiere machen sich auf die Suche nach potentiellen Wurfhöhlen und beginnen, diese vehement zu verteidigen. Beide Geschlechter können dann auf den Menschen sehr aggressiv reagieren.

Ich teile die verbreitete These nicht, die auch Hohmann und Bartussek vertreten, ein Waschbär sei eben ein Wildtier und wird aus diesem Grund immer seinen Willen haben und versuchen, seine Ziele zu erreichen, also auch die der Partnersuche, während wir uns Haustiere durch jahrtausendelange Domestikation gefügig gemacht hätten. Ein Großteil unserer Haustiere ist keineswegs „gefügig“ – denken wir doch einfach an viele der sogenannten Nutztiere! – und die Mittel, mit denen man sie gefügig macht, sind daher oft entsprechend drastisch. Zudem hat jedes Tier, egal welcher Art es angehört und wie lange und in welcher Form es domestiziert wird, seinen Willen und wird immer versuchen, seine Ziele zu erreichen, was ich sehr positiv sehe. Zudem lehne ich „gefügig gemachte“ Tiere ab, auch dann, wenn es sich um Hunde handelt. Ich bin jedoch der Ansicht, dass wir dafür Sorge tragen sollten, dass alle Bedürfnisse der von uns Menschen gehaltenen Tiere berücksichtigt werden sollten. Da wir unseren Gehege-Waschbären ein „erfülltes Sexualleben“ in der Regel nicht bieten können, ebenso wie das bei unseren Hauskatzen der Fall ist, wird die Kastration mit Sicherheit die beste Lösung sein. Sie erfolgt idealerweise im Alter von fünf bis sechs Monaten.

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EIGENHEITEN

Waschbären sind von Natur aus nachtaktive Tiere. Allerdings gibt es eine Zeit im Babyalter, in der sie in der Regel nachts schlafen, weil die Mutter in den Nachtstunden den Bau verlässt, um auf die Jagd zu gehen. Beschäftigt man sich tagsüber viel mit ihnen, behalten sie diesen Schlaf-Wach-Rhythmus größtenteils bei. Dazu kommt ihre unglaubliche Neugier. Sobald sich im Gehege oder in dessen Nähe „etwas tut“, sind sie sofort da und putzmunter. Unsere Bären Monty und Paul sind mit Ausnahme der Wintermonate fast den ganzen Tag über aktiv. Ich weiß das so genau, da ich den Luxus eines Arbeitszimmers mit Blick auf das Gehege genieße und die beiden auch während ich am Schreibtisch sitze beobachten kann. Zudem halten wir uns im Sommer zusammen mit allen Tieren viel im Freien auf. Waschbärenhalter müssen sich also nicht auf ein intensives Nachtleben gefasst machen, damit sie ihre Tiere überhaupt zu Gesicht kriegen.

Waschbären sind recht unempfindlich gegen Schmerzen. Das bedeutet, dass ihre Spiele sehr ruppig sein können. Sie lieben es, an ihren Menschen emporzuklettern. Allzu empfindlich sollte man nicht sein, denn die Bärchen können ihre Krallen nicht einziehen wie Katzen und Kratzer bleiben nicht aus. Waschbären können unglaublich zärtlich, ja richtige „Schmusekatzen“ sein. Rauf- und Tobespiele hingegen lässt man sie besser untereinander austragen.

Ins Waschbärengehege nimmt man am besten keine Handys, Schlüssel oder Wertgegenstände mit, denn sämtliche Taschen werden blitzartig ausgeräumt. Auch das Abmontieren einer Armbanduhr ist für einen Waschbären, der ja über richtige, kleine Händchen mit geschickten Fingern verfügt, eine recht einfache Aufgabe. Das Taschendieb-Diplom haben sie als geborene Langfinger schon von klein auf in der Tasche und mit Sicherheit tragen sie ihre lustigen schwarzen Gangstermasken aus gutem Grund ...

Eine besondere Waschbären-Eigenart scheint es zu sein, andern Familienmitgliedern in die Ohren zu gucken. Das wirkt fast so, als wollten sie kontrollieren, ob diese auch gewaschen sind. Diese „Macke“ bewirkt, dass es unserem Minipig sowie Hündin Deli lieber ist, die Bären durch das Gitter zu betrachten. Cairn-Terrier Sunny allerdings spielt begeistert mit Monty und Paulchen.

  

  

Zu Begegnungen mit den anderen Tieren, aber auch, um den Bärchen noch mehr Abwechslung zu gönnen, nehme ich sie ab und zu andie Leine. Die Gewöhnung an ein Katzengeschirrchen war problemlos. Man muss jedoch immer etwas aufpassen, da Waschbären auch gutsitzende  Geschirrchen ausziehen können.

 

 

 

 

Auch der Transport in einer Box, wenn man zum Tierarzt muss, ist kein Problem – wenn die Box stabil genug ist. Die Bären haben eine Transportbox in „ihrem Zimmer“ stehen, in der sie sich gern und oft aufhalten. Ist man allerdings unterwegs, ist ihnen kein Verschluss sicher genug, um diesen nicht durch intensives Basteln zu öffnen. So hatte ich auf einer Nachhausefahrt vom Tierarzt Glück im Unglück. Ich hatte wohl eine Geschwindigkeitsbeschränkung übersehen und wurde geblitzt. Schließlich wollte ich meine Tiere möglichst schnell nach Hause bringen, um sie aus der engen Box zu befreien. Diese Sorgen hätte ich mir nicht machen müssen. Sie schafften das alleine, da ich die Box zwar sorgfältig verschlossen, aber nicht extra noch einmal zugebunden hatte. Und als ich mit den fröhlich auf mit herumkletternden Bärchen nach dem nächsten Parkplatz suchte, konnte ich nur noch denken, was das wohl für ein Polizeifoto gegeben hätte, hätte man mich ein wenig später geblitzt: Polofahrerin mit überhöhter Geschwindigkeit, einem Waschbären auf der Schulter und einem zweiten auf dem Kopf – wie wäre dieser Verstoß gegen die Straßenverkehrsordnung wohl geahndet worden?

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BESCHÄFTIGUNG

Die liebste Beschäftigung von Waschbären ist neben dem Klettern und Balgen das „Forschen“, das Untersuchen von neuen Dingen, das Basteln und „Fummeln“ an Gegenständen und wo immer es möglich ist, auch das Zerlegen derselben.

Große Begeisterung löst daher jede Neuerung im Gehege aus, die oft schon mit einfachen Mitteln zu bewerkstelligen ist. Haufen aufgestapelter Äste sind sehr beliebt. Das Abschälen von Baumteilen macht großen Spaß, so dass das „Spielholz“, das ohnehin ab und zu ausgetauscht werden sollte und dabei gleich an einem anderen Platz neu drapiert werden kann.

In kleinen Futterschälchen wird bei uns nur das Weichfutter gereicht, also kleingeschnittenes Obst, Quark usw. Katzenpellets füllen wir in Futterbälle, die man rollen, drehen oder in die man auch mal mit den Händchen hineinlangen kann, um Futter zu angeln. Mir fiel schnell auf, dass Futter, das mir beim Füllen der Bälle zu Boden fiel, von den Bärchen oft liegengelassen wird, während sie sich mit Begeisterung auf ihr Futterspielzeug stürzen. Als echter Renner entpuppte sich der „Dog Pyramid“, ein Geschenk einer Freundin. Dies ist eine Art Stehaufmännchen, das nur ein einziges kleines Loch im oberen Bereich aufweist. Es erfordert große Geschicklichkeit, Pellets herauszuholen. Heiß geliebt werden auch die stabilen, kleinen Plastikflaschen, die ich mit einem starken Gummiband an den Kletterbäumen befestige und die ebenfalls Trockenfutter enthalten.

                                                                                                                                                        

                                                                                         

Auch ein in ein Stoffstück gewickeltes Leckerchen an einem Gummiband auszupacken, macht großen Spaß.

 

 

 

 

 

Es macht große Freude, den Bärchen zuzusehen, welch ausgefeilte Techniken sie entwickeln und mit welch großem Eifer sie dabei sind, wenn sie auf diese Art „auf die Jagd gehen“.

Tüftelspiele gibt es auch in Form von „intelligentem Hundespielzeug“, das ich für alle meine Tiere benutze und das auch den Waschbären Freude macht. Bei einigen Spielen muss ich jedoch dabei bleiben, da sich die Bärchen sonst gegenseitig die Pfoten einzwicken können.

 

   

Ein mit Katzenfutter gefüllter Erdnuss-Spender wird mit großem Geschick sachgerecht betätigt.

 

 

 

 

 

 

Sehr gespannt war ich, ob meine Waschbären Freude an etwas gezieltem Beschäftigungstraining haben würden. Die Frage war schnell beantwortet. Als sie erst einmal das Geräusch eines Clickers kannten, waren sie sofort zur Stelle, wenn sie hörten, dass ich mit einem meiner Tiere trainiere, und wollten mitmachen. An kleinen Übungen wie dem Balancieren über eine Leiste, dem Hochstehen auf den Hinterbeinen, dem Ballkullern, ein wenig Targetarbeit, dem Durchkriechen von Rollen und Tunnels oder kleinen Sprüngen von Podest zu Podest haben sie enormen Spaß. Besondere Freude haben sie an einem kleinen Keyboard, dem sie „vierhändig“ die wüstesten Klänge entlocken. Hier zeigt sich am deutlichsten die Eigenart der Bärchen, in das, was sie tun, völlig zu versinken. Sie sind das, was man beim Menschen als autothelische Persönlichkeit bezeichnet. Oft vergessen sie bei unseren Trainingsspielen vollkommen die Abmachung, dass es ja auch Leckerchen zur Belohnung gibt, und machen einfach weiter. 

 

                                                                                                                                                                                       Besonderen Spaß macht auch das gelegentliche gemeinsame  Hunde-Waschbärentraining,  wobei Hündin Sunny und jeweils ein  Bärchen etwas chaotisch, aber mit großem Engagement und  Begeisterung zusammenarbeiten.

 

 

 

 

 

Beschäftigungstraining mit den Waschbären dauert höchstens fünf bis zehn Minuten. Wir „üben“ immer dann, wenn wir dazu Lust haben, also nicht absolut regelmäßig jeden Tag. Dennoch bewirken diese Mini-Trainingseinheiten viel. Ich habe meine Bärchen auf eine so intensive Weise kennengelernt, wie das durch Schmusen, Beobachten und das reine Initiieren von Spielen nie möglich gewesen wäre. Ich staune, wie unterschiedlich die beiden sind. Jeder hat seinen ganz eigenen Charakter, seine ganz eigenen Vorlieben und Talente.

Im ersten mit den Bären verbrachten Winter zeigte sich, dass während der kalten Monate die Begeisterung für das gezieltere Trainingsspiele nachlässt, so dass wir pausierten. Als ich jedoch eines Morgens in unser Bärenzimmer kam, saß Paulchen auf einer Plattform und streckte mir sein Pfötchen zum „High Five“ entgegen. Sein Bruder Monty stellte sich bei meinem Anblick sofort auf die Hinterpfoten. Dies nahm ich als Einladung, das gemeinsame Spaßtraining wieder aufzunehmen. Und obwohl draußen noch dicker Schnee lag, die Temperaturen immer noch winterlich waren, wusste ich in diesem Moment: Jetzt kann der Frühling nicht mehr weit sein. Unsere Bärchen haben es mir verraten.

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