· NOCH
EINE NEUE TRAININGSMETHODE?
· LERNEN AM MODELL VIEL MEHR ALS EINFACHES
NACHAHMEN
· GANZHEITLICH TRAINIEREN/DIE ROLLE DES MENSCHEN IM
TIERTRAINING
Unsere Form des Trainings entstand
aus der praktischen Arbeit mit unterschiedlichen Tierarten, aus
der Zusammenarbeit mit exzellenten Tiertrainern und der
Auseinandersetzung mit neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen.
Also noch eine neue Methode? Nein.
Unsere ganz spezielle Art des Trainings will keine weitere
Methode sein, sondern ein offener Ansatz, der sich ständig
weiterentwickeln kann und soll. Dabei werden durchaus bewährte
Trainingstechniken (Clickertraining, Einsatz der Körpersprache
usw.), manchmal in leicht veränderter oder erweiterter Form,
genutzt. Der Blickwinkel ist jedoch ein anderer als bei den
meisten herkömmlichen Trainingsmethoden, deren wissenschaftliche
Grundlagen in der Regel entweder die Ethologie
(Tierverhaltensforschung) oder die Theorie des operanten Lernens
(Lernen durch Versuch und Irrtum) nach Skinner sind. Wir
betrachten den Menschen und das Tier als Teile eines Systems, die
miteinander in Wechselwirkung stehen. Die theoretischen
Grundlagen für die Vorgangsweisen liefern einige zum Teil noch
sehr junge Wissenschaftszweige, die zwar oft nicht explizit über
das Tier, aber doch viel an Tieren forschen, z. B. die
modernen Neurowissenschaften, die Bindungs- und die
Stressforschung.
Wenn
Tiere lernen, passiert dasselbe, wie wenn wir Menschen lernen: Es
werden im Gehirn neue Verknüpfungen zwischen Nervenzellen
gebildet. Diesen Prozess nennt man Bahnung. Bei diesem Vorgang
spielen bestimmte Botenstoffe, allen voran der Neurotransmitter
Dopamin eine zentrale Rolle. Erfahrungen, die ein Mensch oder ein
Tier unter Dopamineinwirkung macht, werden besonders gut gelernt.
Ausschüttungen dieses Neurotransmitters versetzen sowohl
Menschen als auch Tiere in einen Zustand von Motiviertheit.
Schließlich stellen die Dopamin-Nervenzellen auch etwas wie ein
inneres Belohnungssystem dar.
Darüber
hinaus hat, sowohl beim Menschen als auch beim Tier, jedes
Gedächtnissystem, z. B. das Erlernen von Bewegungsabläufen, das
Bewältigen von Unterscheidungsaufgaben usw., seinen eigenen
Schaltkreis im Gehirn. Unterschiedliche Aufgaben verlangen also
auch unterschiedliche Herangehensweisen. Ich unterscheide daher
zwischen verschiedenen Arten des Lernens, die in reiner Form,
sehr oft aber auch in Mischformen auftreten.
·
Lernen am Modell oder Nachahmungslernen meint zunächst
nur das Lernen über Imitation (sehr ausgeprägt z. B. bei der
Katze) und ist doch viel mehr: Es spielt eine wichtige Rolle für
den Aufbau sozialer Beziehungen.
·
Bewegungslernen oder Kinästhetisches Lernen bedeutet
Lernen durch Bewegungswahrnehmung. Diese Lernform kommt im
fortgeschrittenen Tricktraining verstärkt zum Einsatz.
·
Kognitives Lernen = Lernen durch Denkprozesse tritt,
zumindest in Ansätzen, auch bei Tieren auf. Das bedeutet, dass
höhere Tiere imstande sind, Problemlösungen durch Nachdenken zu
finden.
·
Operantes Lernen = Lernen durch Versuch und Irrtum ist
die wahrscheinlich am häufigsten auftretende Lernform bei
Tieren, zumindest jedenfalls die am besten untersuchte. Wir sind
zwar nicht der Ansicht, dass das Tiertraining auf diese eine,
einzige Form des Lernens beschränkt werden sollte, operantes
Lernen folgt jedoch klaren, durchschaubaren Prinzipien und ist
daher der ideale Einstieg in das Tricktraining.
Der Trick mit dem Click
Delphin-Trainer arbeiten mit einer
Pfeife. Warum sie das tun, liegt auf der Hand: Dressur
funktioniert über Belohnung. Damit das Tier die Belohnung aber
als Konsequenz eines bestimmten Verhaltens begreifen kann, muss
die Belohnung zeitgleich oder Sekundenbruchteile danach erfolgen.
Schon wenige Sekunden später wäre zu spät. Der Trainer muss
also dem Delphin auf irgendeine Weise zurückmelden können, dass
genau dieser Sprung toll war und dass es dafür einen Fisch gibt,
auch wenn sich das Tier gerade in der Mitte des Beckens aufhält:
Er pfeift. Der Trainer hat zuvor über einen sogenannten
klassischen Konditionierungsprozess diesen Pfiff in Verbindung
mit der Futterbelohnung gebracht, indem er mehrmals gepfiffen und
dem Tier unmittelbar danach einen Fisch gegeben hat. Das Tier
lernt schnell, dass es selbst darauf Einfluss nehmen kann, diesen
inzwischen mit einem äußerst angenehmen Zustand (Erwartung der
Futterbelohnung) verbundenen Pfiff auszulösen, indem es
bestimmte Verhaltensmuster anbietet. Die Pfeife ist somit zu
einem Brückensignal, einem konditionierten
Verstärker geworden.
Karen
Pryor, eine amerikanische Delphin-Trainerin, hat dieses Prinzip
als Clickertraining auch für die Arbeit mit anderen
Tieren populär gemacht. Clickertraining findet mittlerweile
nicht nur in der Show, sondern in allen möglichen Bereichen des
Tiertrainings, vom Beschäftigungsprogramm für Wohnungskatzen
über Zootiertraining bis hin zur Ausbildung von Gebrauchshunden
Anwendung und ist auch eine wesentliche Grundlage unseres
Tricktrainings.
Statt
einer Pfeife wird in der Arbeit mit Hunden und anderen Haustieren
meist ein Knackfrosch, der Clicker, verwendet. Er
erzeugt ein kurzes, prägnantes und unverwechselbares Geräusch.
Der Clicker oder ein anderes akustisches Signal ermöglichen es
uns, einem Tier punktgenau zurückzumelden: Das ist es! Gut
so! Wir haben nun den Vorteil, dass wir uns mit der
Herausgabe der eigentlichen Belohnung ein klein wenig Zeit lassen
können, z. B. um sie in Ruhe aus der Tasche zu holen.
Indem wir ein Brückensignal
verwenden, machen wir uns eine weitere interessante Tatsache
zunutze: Dopamin macht glücklich! Nicht umsonst wird es
umgangssprachlich als Glückshormon bezeichnet. Die
stärksten Dopaminausschüttungen im Gehirn des Tieres erfolgen
allerdings nicht dann, wenn es die Futterbelohnung erhält,
sondern davor, wenn es die Rückmeldung richtig
bekommt und auf eine solche hoffen kann. Schon lange, ehe diese
Zusammenhänge erforscht waren, haben erfahrene Tiertrainer diese
Vorgänge intuitiv und aus der Beobachtung heraus genutzt: Fast
immer geht der Futterbelohnung ein Lob voraus, z. B.
braaaav!.
Einfangen
bedeutet im Tiertraining, etwas zu belohnen, was das Tier gerade
von sich aus tut, um ein Kunststück daraus zu machen. Ein
Beispiel für einen Trick, den man komplett einfangen kann ist
das Compliment, die Verbeugung beim Hund. Fast jeder Hund zeigt
diese Bewegung nach einem ausgiebigeren Schläfchen. Ich brauche
nur ein paar Mal im richtigen Moment zu clicken und der Hund wird
das Compliment immer wieder anbieten.
Nun genügt es, einige Male ein deutliches Zeichen, z. B. mit der
Hand und eventuell ein Kommando zu geben, wenn der
Hund gerade im Begriff ist, die Bewegung auszuführen und
fertig ist der Trick.
Mit Hilfe
eines Brückensignals lassen sich auch Verhaltenssequenzen
einfangen, die nur im Ansatz gezeigt werden.

Schweine sitzen in der Regel
nicht und sie knien auch nicht auf den Vorderfüßen oder?
Doch! Sie tun das nur nicht für längere Zeit. Während sie sich
vom Liegen zum Stehen aufrichten oder sich hinlegen, kommen beide
Haltungen kurz vor. Diese kann ich nun wieder mit Click und
Belohnung gezielt verstärken und ausbauen.
Besonders
interessant war es für mich, mit dem Schweinchen das Apportieren
zu üben. Vergiss es!, hörte ich von allen Seiten.
Schweine tragen nichts. Sie tragen keine Nahrung nach Hause
wie Hunde, Katzen oder andere Tiere, Schweinemütter tragen ihre
Jungen nicht. Das hat keinen Sinn! Es hatte Sinn! Der Kampf
des noch sehr kleinen Piccolino mit einer recht großen Möhre
war mir zu Hilfe gekommen. Da er mit dieser nicht zurechtkam,
nahm er sie ins Maul, um sie zu mir zu transportieren, und ich
konnte diesen seltenen Moment des Tragens einfangen. Dies war die
Grundlage für unsere Apportierübungen. Inzwischen haben wir
diese zu vielen netten Tricks ausgebaut.

Piccolino
räumt seine Spielsachen auf
Als echter Seiltänzer benutzt Piccolino
natürlich eine Balancierstange
Das
eigentliche Clickertraining, das freie Formen von
Übungen in ganz kleinen Schritten, hat einige Spielregeln, die
nicht nur dem Trainer, sondern auch dem Tier vertraut sein
müssen: Jeder Versuch in Richtung des gewünschten Verhaltens
wird bestärkt, Fehlversuche werden ignoriert. Voraussetzung für
diese Form der Arbeit ist es, dass das Tier von sich aus aktiv
wird, d. h. bestimmte Bewegungen und Verhaltensmuster anbietet.
Für
Trainings-Einsteiger, für alle Tiere, die bereits gelernt haben,
ausschließlich zu reagieren, statt selbst etwas anzubieten, aber
auch zur Auflockerung des Trainings alter Hasen und
zum Finden neuer Trickideen, bietet sich freies
Krativitätstraining an.
Die einfachste Form ist das
Kreativitätstraining mit mehreren Gegenständen. Ich lege dazu
einige Dinge auf dem Boden aus, die sich natürlich für die
jeweilige Tierart eignen müssen. Für die Hunde oder das
Schweinchen sind das beispielsweise: Hundespielzeug, Stoffknoten,
Dosen, Bälle, Kunststoffgefäße, Babyspielzeug. Das Tier soll
mit jedem dieser Gegenstände irgendetwas machen.
Anfangs nehme ich jeden Gegenstand, mit dem eine Aktivität
gezeigt wurde, aus dem Spiel, so dass sich das Tier dem nächsten
zuwenden wird. Sobald mein Tier verstanden hat, worum es geht,
lasse ich alle Dinge auf dem Boden liegen und belohne gezielt
Aktionen mit unterschiedlichen Gegenständen. Das Tier lernt
dabei, dass nicht nur Aktivität an sich gefragt ist, sondern
auch das Anbieten immer neuer Ideen.
Eine im Clickertraining bekannte
und beliebte Form des Kreativitätstrainings ist die sogenannte
101-Dinge-Kiste. Zweck der Übung ist es, dass das Tier
möglichst viele unterschiedliche Aktionen mit ein und demselben
Gegenstand zeigt. Kisten oder Schachteln bieten sich für diese
Übung an. Es muss jedoch keine Kiste sein. Geeignet sind alle
Gegenstände, mit denen man Verschiedenes tun kann. Einen
einfachen Reifen kann man z. B. mit der Nase oder der Pfote
berühren, während er am Boden liegt, man kann mit den
Vorderpfoten hineinsteigen, mit allen Vieren ... belohnt wird
jeweils die neue Aktion.
Piccolino hat sich ausgedacht,
den Reifen mit dem Rüssel anzuheben, zuerst auf der einen,
dann auf der anderen Seite. Dies haben wir als kleinen
Trick behalten. Ich sage: Piccolino, heb den
Reifen auf! und er wird mir, angelehnt an
das Schweinchen, präsentiert. Sehr praktisch
so brauche ich mich nicht zu bücken.
Shaping freies Formen von
Übungen
Shaping
ist operantes Lernen in Reinkultur, Lernen durch Versuch und
Irrtum oder besser: Lernen durch Versuch und Erfolg, wobei schon
die winzigsten Schritte in die gewünschte Richtung bestärkt
werden.
Am einfachsten ist es, das freie
Formen mit Hilfe eines Requisits zu erlernen. Schon die Tatsache,
dass ich einen Gegenstand ins Spiel bringe, wird bei meinem
vierbeinigen Schüler Neugier auslösen.
Ich möchte beispielsweise durch
Shaping erreichen, dass das Tier ein Podest besteigt. Anders als
beim freien Kreativitätstraining clicke ich in diesem Fall
jedoch gezielt nur jene Aktionen, die auf das Ziel zuführen: den
ersten Blick in Richtung Podest, die Annäherung, das
Beschnüffeln, das Anstubsen mit der Pfote usw. Nach einigen
Versuchen wird das Tier die Kiste ersteigen oder hochspringen.
Damit ist das Ziel erreicht. Nach dem Click werfe ich das
Belohnungsleckerchen so, dass das Tier das Podest verlassen muss.
Nun zeigt sich, ob mein Schüler die Übung verstanden hat.
Höchstwahrscheinlich wird er sofort wieder auf die Kiste
springen, um eine weitere Belohnung einzuheimsen. Wenn nicht
auch kein Problem: In diesem Fall gehe ich einfach noch
einmal ein paar Lernschritte zurück. Sobald der Sprung auf die
Kiste klappt, kann ich ein Kommando einführen und die Zeitdauer,
die das Tier auf der Kiste bleiben soll, schrittweise
verlängern, indem ich den Click immer weiter hinauszögere.
Ein Brückensignal ermöglicht uns,
mit den Tieren ohne Leine, Longe oder bei Huftieren ohne Zäumung
zu arbeiten und ohne sie anzufassen. Das bedeutet, dass wir auf
diese Weise auch mit Tieren trainieren können, die völlig
verängstigt oder bissig sind. Mit etwas Geduld lässt sich so z.
B. das Vertrauen berührungsscheuer Katzen gewinnen. Mit bissigen
Minipigs, aggressiven Hunden oder schwierigen Zootieren kann man
sogar anfangs über Zäune und Absperrungen hinweg arbeiten.
Über Shaping lassen sich auch
Tricks erarbeiten, bei denen man durch andere Herangehensweisen
keine Chancen hätte.
Ein bekannter Pferdetrick ist das
Stehen mit überkreuzten Vorderbeinen. Von einem Schwein wurde
diese Übung meines Wissens noch niemals gezeigt. Für
Schweinchen Piccolino war es ein Leichtes, dies über freies
Formen zu erlernen: Das Drehen um die Vorderfüße auf einem
kleinen Podest kannte er bereits. Nun bot ich ihm eine kleine
Platte aus Moosgummi an, auf die er die Vorderfüße stellte.
Nachdem er sein gesamtes Fußprogramm angetestet
hatte (Füßchen heben in verschiedenen Varianten), begann er,
sich um die Platte zu drehen und wurde sofort belohnt. Verließ
ein Fuß während der Drehung die Platte, blieb die Belohnung
aus. Nun konnte ich die Platte immer kleiner schneiden und
Piccolino hob die Füße bald gar nicht mehr ab, um den Kontakt
zu dieser nicht zu verlieren.
Das Stehen mit überkreuzten
Beinen ergab sich aus den Vorübungen mit der Kunststoffplatte
automatisch. Nun musste ich nur noch die inzwischen sehr kleine
Platte abbauen und ich gab ihm ein Signal für die Übung,
indem ich mich selbst mit überkreuzten Beinen hinstellte.
Der größte Vorteil des freien Formens ist, dass die Tiere regelrecht kreativ werden. Sie werden aus sich heraus immer neue Verhaltensweisen anbieten. Der Trainer braucht sie nur noch zu kaufen.
Eigentlich wollte ich nur
sehen, ob Piccolino versucht, den Deckel der Kiste zu
öffnen. Dass er dies tut und im selben Zug gleich
hineinspringt, war seine Überraschung für mich.
Nicht jeder Trick kann durch
Versuch und Irrtum (operant) erlernt werden, zumindest nicht
komplett. Die operante Methode, das Formen von Übungen in
kleinen Schritten, eignet sich z. B. wenig für Kunststückchen,
die mit Entspannung verbunden sind, für solche, die bestimmte
körperliche Fähigkeiten voraussetzen, die erst erworben werden
müssen, sowie Tricks, die eine ausdrückliche
Erlaubnis des Trainers brauchen. Es gibt sogar
Bewegungsaufgaben, die man kaputtclicken kann. Das
sind alle Bewegungsaufgaben, bei denen die Bewegung in Momenten,
in denen der Körper sie gerade erfasst, eine Zeit lang aufrecht
erhalten werden muss und alle die, die einen gewissen Schwung
brauchen.
Mit
zunehmender Trainingserfahrung wurde mir immer deutlicher, dass
es Kunststückchen gibt, die sich mit Hilfe von Berührungen am
schnellsten, stressfreisten und angenehmsten erlernen lassen.

Ein Kunststück wie das
Totstellen" erfordert tiefe Entspannung.
Beim operanten Lernen mit dem
Clicker sind die Tiere in einer gewissen Erwartungs-Spannung, so,
als würden sie fragen: Na, mache ich es richtig? Wann
clickt es denn? Sie sind in einem Zustand hoher
Konzentration und Aktivität. Dieser verträgt sich nicht sehr
gut mit einer Aufgabe, bei der das Tier völlig ruhig und gelöst
auf der Seite liegen soll. Viel einfacher wird die Sache, wenn
ich es zart am Bauch kraule. Wieder kann ich beginnen, wenn sich
das Tier von sich aus so hinlegt, eine Zeit lang zu kraulen und
anschließend zu belohnen. Nach einigen Versuchen kann ich die
Berührung allmählich abbauen.
Beim
Minipig klappte übrigens nicht einmal das Abliegen (gerade
liegen, wie das Platz beim Hund) ohne Berührung. Die
Übung ließ sich nicht einfangen und erst recht nicht shapen,
sie ließ sich jedoch problemlos und angenehm
erkraulen.
Liegende Haltungen können sich
für ein Tier recht ausgeliefert anfühlen. Bei
Pferden gilt dieser Trick als einer der schwierigsten überhaupt
und Minipigs scheinen diesbezüglich ebenfalls noch empfindlicher
zu sein als Hunde. Das nötige Vertrauen gibt ein leichtes
Kraulen im Nacken. Das Schweinchen genießt diese Berührung sehr
und wird sich von sich aus hinlegen. Will ich erreichen, dass das
Minipig gerade abliegt, muss ich darauf achten, ihm sein
Belohnungs-Leckerchen zuzustecken, ehe es sich auf die Seite
plumpsen lässt, um wohlig alle Viere von sich zu strecken und
mich dazu zu kriegen, es auch noch am Bauch zu kraulen. Diese
Berührung nutze ich dann für die Übung Peng
(Totstellen). Den Clicker verwende ich für solche
entspannten Tricks gar nicht mehr.
Mit zartem Nackenkraulen und
der anderen Hand, die ihn leicht führt, lernt Klein-Picco
ohne Probleme, wie Kommissar Rex auf dem Boden zu robben.
Die
Arbeit über Berührungen zählt zum Bewegungslernen, weil durch
die Berührung eine bestimmte Bewegung/Haltung hervorgerufen und
dann belohnt wird. Voraussetzung für die erfolgreiche Arbeit
über Berührung ist immer, dass das Tier diese als angenehm
empfindet.
Kunststücke wie Balancieren,
Fassrollen, bestimmte Sprünge, Skateboardfahren und ähnliches,
beruhen in erster Linie auf kinästhetischen Lernprozessen, dem
allmählichen, ganzheitlichen Erfassen von Bewegungsabläufen
durch Körper und Nervensystem. Sie können daher nicht operant,
also ausschließlich über Versuch und Irrtum, erarbeitet werden.
Ein Tier wird ebensowenig wie wir
Menschen auch, auf die Idee kommen, Dinge auszuprobieren, die
bestimmte körperliche Fähigkeiten voraussetzen, über die es
noch nicht verfügt. Wollten wir etwa versuchen, über ein
Drahtseil zu laufen, ehe wir uns das dafür notwendige
Balanciervermögen angeeignet haben, wird der Versuch
wahrscheinlich mit einem schmerzhaften Irrtum enden:
Wir stürzen ab.
Die Lernschritte sind beim
Bewegungslernen nicht so klar voneinander abzugrenzen wie bei
überwiegend operanten Lernprozessen was natürlich nicht
bedeutet, dass wir nicht auch hier langsam, sorgfältig und
selbstverständlich zwangfrei vorgehen müssen.
Bei
vielen Übungen, die eine besondere körperliche Schulung
erfordern, sind anfängliche Hilfestellungen wichtig und
notwendig. Ich werde oft gefragt, warum meine Tiere überhaupt
Tricks lernen, für die sie die körperlichen Voraussetzungen von
vorneherein mitbringen, sondern diese erst erarbeiten müssen.
Kunststückchen dieser Art sind
nicht nur Show oder Spielerei. Genau wie bei Kindern auch, die
Sport betreiben, tut Tieren körperliche Schulung gut, um fit und
gesund zu bleiben. Vor allem aber machen gerade diese Tricks bei
einfühlsamer Vorgangsweise unsere Tiere selbstsicher, beugen
erhöhter Stressanfälligkeit vor und verhelfen zu mehr
Ausgeglichenheit. Sport in der richtigen Form hält Körper und
Seele gesund und das gilt nicht nur für Menschen. Auch in
der Natur werden Tiere vor viele Aufgaben gestellt, die die
körperliche Geschicklichkeit ausbilden. Wieder gilt es, für
nicht freilebende Tiere einen Ausgleich zu schaffen.
Bei der Auswahl von Tricks kommt es
einzig und allein darauf an, ob ein Tier sich für das betreffende
Kunststück eignet und Freude daran zeigt. Um sicher zu gehen,
dass Bewegungen physiologisch angemessen sind, baut die moderne
Tierdressur immer auf solche Bewegungsmuster auf, die auch in der
Natur oder im freien Spiel der betreffenden Art zu beobachten
sind. Darüber hinaus müssen die individuellen Begabungen, das
Alter und der Allgemeinzustand des trainierten Tieres
berücksichtigt werden.
Wie bei uns Menschen, stellt sich
der Spaß an sportlichen Aktivitäten durch Tun ein. Je besser
unser Körper geschult ist, desto mehr Freude haben wir auch an
Dingen, die ungeschulte Menschen vielleicht sogar Angst machen
würden. Dies ist bei Tieren nicht anders.
Die tricktrainierte Deli erfand
beispielsweise im freien Kreativitätstraining das
Ballkullern, eine Art Kugellauf nur mit den
Vorderpfoten, als ich nichts weiter tat, als ihr einen Ball
anzubieten. Inzwischen kullert sie bereits einen
Slalom durch meine Beine, während ich langsam vorwärtsgehe. Mit
etwas Sicherung meinerseits kullert sie den Ball auch über einen
Schwebebalken.
Beispiele für Bewegungslernen:
Vom Fassrollen und Ballkullern
zum Kugellauf:
Voraussetzung für diesen Trick
ist, dass das Tier bereits gut gymnastiziert ist. Es sollte auch
wacklige Untergründe bereits kennen. Sehr gute Vorübungen sind
z. B. das Laufen über eine Wippe oder das Fassrollen, wobei ein
große Rolle mit den rückwärtstretenden Vorderbeinen
vorwärtsgetrieben wird. Die Hinterbeine bleiben am Boden und
bewegen sich vorwärts.

Ein eigenständigerTrick und
zugleich eine gute Vorübung für den Kugellauf: Deli und Sunny
zeigen ihre Variante des Fassrollens Deli treibt die
Rolle vorwärts, während Sunny immer hin und her
durchkriecht.
Ballkullern
bereitet den Kugellauf ebenfalls gut vor hier eine
Variante mit Polonaise
Je
größer der Ball ist, auf dem das Tier balanciert, desto
leichter ist die Balance zu erlernen. Ich verwende z. B. für
meine kleinen Hunde einen extragroßen Gymnastikball.
Von einem Podest aus erarbeite ich
zunächst Schritt für Schritt das Stehen mit allen Vieren auf
dem Ball, den ich gut festhalte, sowie das Abspringen. Dies ist
besonders wichtig, denn das Tier sollte sich niemals dem Requisit
ausgeliefert fühlen, sondern wissen, dass es jederzeit
abspringen kann, wenn es möchte.
Obwohl man denken könnte, das
Rückwärtslaufen auf einer Kugel sei einfacher, weil dabei der
Kugelläufer dabei ja nach vorne tritt, zeigt die Praxis, dass
dem nicht so ist. Die rückwärtsrollende Kugel ist schwer zu
kontrollieren und nimmt dem menschlichen oder tierischen
Kugelläufer die Möglichkeit, zu sehen, wohin er rollt. Es gilt
also zu bedenken, dass nicht nur die Ausgleichsbewegungen
trainiert werden müssen, die es ermöglichen, die Balance zu
halten, sondern auch das Rückwärtstreten damit sich die
Kugel nach vorne bewegt.
Sobald das Tier den Ball
immer wieder von sich aus selbstverständlich erklimmt, beginne
ich, diesen ganz leicht nach vorne zu bewegen, indem ich meine
Hand zwischen Vorder- und Hinterbeine meines Schülers lege. Mit
der anderen Hand, die ich vor die Brust (vor die Brust,
nicht an die Brust!) des Tieres halte, sichere ich den angehenden
Balance-Künstler ohne ihn zu berühren. Das Tier darf
niemals auf der Kugel festgehalten werden. Jeder
Ansatz von Rückwärtstreten wird sofort belohnt. Nach einiger
Übung kann ich die Hand von der Brust wegbewegen und sie
dem Tier als Fixpunkt anbieten. Fixpunkte, die mit den Augen
festgehalten werden, erleichtern Balancen für Mensch und
Tier ungemein.
Die
andere Hand bleibt anfangs auf dem Ball, später knapp über dem
Ball und das so lange, bis das Tier die Kugel absolut sicher
ausbalanciert. In diesem Stadium scheint sich die Bewegung zu
verselbständigen. Der ganze Körper, das gesamte
Nervensystem beginnen zu erfassen, was zu tun ist, um in Balance
zu bleiben. In diesem Moment wäre es ein Fehler, die Bewegung zu
schnell durch eine Belohnung zu unterbrechen. Hier lasse ich das
Tier in die Bewegung hineinspüren, unterstütze
durch Lob und belohne am Ende mit einem Jackpot.
Könner folgen
Auch Piccolino hat sich bis zum Alter von etwa einem Jahr als begeisterter Kugelläufer betätigt. Danach wurde er zu schwer für die Gymastikbälle, die ich verwende, da richtige Laufkugeln zu glatt sind. Bei ihm habe ich den Ball allerdings immer etwas gebremst (mit meinen Beinen), um das Tempo den langsameren Bewegungen des Schweinchens anzupassen.
Meine
Hunde sind übrigens so wild auf die Laufkugel, dass es bereits
einen Unfall in der Luft gab. In der irrigen Meinung,
es würde genügen, den großen Ball an Sunnys Podest
heranzurollen, um zu signalisieren, dass Sunny an der Reihe war,
hatte ich Deli nicht ausdrücklich bedeutet, dass sie auf ihrem
Platz warten sollte. Während Sunny auf die Kugel sprang, segelte
zugleich Deli in einem Riesensatz durch die Luft. Nach einem
kräftigen Zusammenstoß landeten beide auf der Kugel. Zum Glück
ist nichts passiert und ich bin seit diesem Erlebnis wesentlich
genauer in der Zeichengebung zum Kugellauf.
Balancieren über eine schmale
Leiste
Hier besteht die Hilfe nur in dem
allmählichen Vergrößern der Strecke, die das Tier zurücklegt.
Mit Hunden mache ich selbstverständlich auch viele Vorübungen
auf einem breiteren Balancierbalken.
Nun lege ich die schmale Leiste so
zwischen zwei Podeste, dass der Hund, wenn er möchte, auch noch
von dem einen zum anderen springen kann.
Ganz allmählich wird der Abstand
größer.
Nun
ist die Übung schon bekannt, die Fähigkeit, das Gleichgewicht
zu halten, geschult und das Requisit als ungefährlich erkannt.
Ab einer
gewissen Länge der Strecke muss das Tempo
gedrosselt werden. Der Hund lernt, über die Leiste zu
gehen.
Dass
die Bärchen diese Fähigkeit nicht von vorneherein mitbrachten,
könnte an der Neigung der Waschbären liegen, sich an dünnen
Ästen oder ähnlichem hängend entlang zu hangeln.
Inzwischen sind die beiden Meister
der Balance und sie üben sich mit enormem Spaß auch an diversen
Klettergeräten in ihrem Gehege in dieser Kunst.
Skateboardfahren
Der Trick an dem Trick ist es, die
beiden Teile des Bewegungsablaufs getrennt zu trainieren: Das
Aufspringen und Rollen mit dem Skateboard betrachte ich zunächst
als eigene Übung. Dasselbe gilt für das Anschieben. Erst
nachdem für beide Übungsteile Kommandos eingeführt wurden,
setze ich sie zusammen.

Piccolino im Alter von
einem Jahr skaten am Hof
Bei
normalen Skateboards, wie Picco es hier noch fährt (heute
benutzt er ein selbstgebautes größeres Modell), ist ein kleiner
Umbau erforderlich, ehe man mit dem Trick beginnt. Die Räder
sollten abgeschraubt und dann jeweils weiter außen (die vorderen
ein Stück weiter vorne, die hinteren etwas weiter hinten)
angebracht werden, so dass das Board nicht kippt, wenn das Tier
die Füße auf den gebogenen Brettenden aufstellt.
Sehr hübsch ist auch der Bewegungsablauf auf einem
Griffskateboard. Sunny schiebt dieses Board nicht von
der Seite, sondern von hinten an und erhebt sich beim
Aufspringen sofort auf die Hinterbeine, um mit den Vorderpfoten
an den Griff zu gelangen. Hier eine Variante für zwei
Hunde: Sunny stellt sich auf das Board, Deli schiebt unter
ihr, wie sie das auch mit einem einfachen Skateboard tun würde,
und springt zusätzlich auf.
LERNEN AM MODELL VIEL
MEHR ALS EINFACHES NACHAHMEN
Wenn ich
meine Waschbären Monty und Paul rufe, beeilen sie sich immer
sehr, zu mir zu kommen. Befinden sie sich gerade im Außengehege
auf dem integrierten lebenden Baum, klettern sie aber nicht, wie
man erwarten würde, schnell von diesem herunter, sondern sie
nehmen trotz der offensichtlichen Eile einen großen Umweg über
die Dachbalken und das Gehegegitter. Es gibt eine sehr einfache
Erklärung, warum sie das tun: Waschbären lernen von ihrer
Mutter, wie man von einem Baum herunterklettert, nämlich
rückwärts und nicht mit dem Kopf nach unten. Macht die Mutter
es ihnen nicht vor, lernen sie es gar nicht. Ich gebe zu, in
dieser Beziehung als Waschbären-Ersatzmama total versagt zu
haben. Ich habe ihnen das Baumklettern nicht vorgemacht, sie
konnten es nicht in der Weise lernen, wie es natürlich gewesen
wäre durch Nachahmen. Dennoch lese ich in einem noch
recht neuen Buch, Der Waschbär (Hohmann/Bartussek,
Oertel und Spörer Verlag 2001), das eine sehr umfangreiche
Studie über Waschbären dokumentiert: Die Jungen lernen
nicht durch Nachahmung, sondern durch Versuch und Irrtum.
In dieser Ausschließlichkeit ist das in keinem Fall richtig.
Ich
vermute, dass die Fähigkeit zum Lernen durch Beobachtung und
Imitation bei Tieren insgesamt noch stark unterschätzt wird
wahrscheinlich schon deshalb, weil sich die
Verhaltensforscher, jahrzehntelang überwiegend auf das Lernen
durch Versuch und Irrtum konzentriert haben.
Dasselbe
Phänomen wie bei meinen Waschbären lässt sich übrigens auch
bei Katzen beobachten: Bauernhof-Katzen, die von der Mutter
draußen aufgezogen werden, haben in der Regel keine
Schwierigkeiten mit dem Herabklettern von Bäumen, während in
der Stube aufgewachsene Katzenkinder, die diesbezüglich keine
Möglichkeit, durch Nachahmen zu lernen hatten, später
gelegentlich aus irgendwelchen Höhen, die sie
unvorsichtigerweise erkommen haben, gerettet werden müssen.
Katzenhalter,
die mit mehreren Katzen zugleich trainieren, erzählen immer
wieder, dass eine Katze Tricks regelrecht von der anderen
abguckt. Katzen stehen in dem Ruf, gute Nachahmungslerner zu
sein. Dasselbe scheint für Delphine und Elefanten zu gelten. Bei
Hunden und Pferden ist das Lernen durch Nachahmen nicht so stark
ausgeprägt. Dennoch dürfte das Nachahmungslernen bei allen
Tierarten eine weitaus größere Rolle spielen, als bislang
angenommen wird.
In
jüngster Zeit haben Gehirnforscher in einer Studie, zunächst an
Affen, eine hochinteressante Entdeckung gemacht, die sogenannten
Spiegelnervenzellen: Jene Nervenzellen im Gehirn, die für die
Planung von bestimmten Handlungen oder die Vorstellung von
Gefühlen zuständig sind, werden auch dann aktiv, wenn diese
Handlung bei einem anderen Lebewesen nur beobachtet wird. Unter
anderem bedeutet das, dass dem Lernen durch Beobachten und
Nachahmen eine überragende Bedeutung zukommt.
Dabei
ist diese Art zu lernen viel mehr als reines Imitieren: Die
Spiegelzellen, die beim Nachahmungslernen aktiv sind, sind auch
für den Prozess des Einfühlens und intuitives Erfassen der
Gefühle anderer verantwortlich. Das Maß der Aktivität unserer
Spiegelzellen bestimmt über unsere soziale Kompetenz. Diese
neuen Erkenntnisse könnten weitreichende Folgen für die
Pädagogik und Therapie beim Menschen haben. Für die weitere
Erforschung des Lernens bei Tieren könnten sie ein Anstoß sein,
dem Lernen am Modell mehr Aufmerksamkeit zu widmen.
Insgesamt
zeigt die Entschlüsselung des Geheimnisses der
Spiegelnervenzellen, wie stark die Fähigkeit zu lernen und die
Beziehung zwischen Lehrendem und Schüler sei es
Tiermutter und Junges oder auch Tiertrainer und Tier
miteinander verbunden sind.
Wie so
oft haben hochbegabte Tiertrainer auch das Wissen um die
Bedeutung des Lernens am Modell intuitiv genutzt, noch ehe es
überhaupt allgemein bekannt war.
Ein
nicht nur spannendes sondern auch rührendes Beispiel hierfür
war die Ausbildung des Elefantenkindes Sandry im Schweizer
Nationalcircus Knie. Genaugenommen wurde Sandry nicht im Circus
ausgebildet, sondern im dazugehörigen Zoo in Rappersvil. Der
Tierlehrer arbeitete ausschließlich mit Mama Claudia.
Klein-Sandry war von Anfang an immer dabei und machte bald mit
Feuereifer alle Tricks und Übungen nach.
Eine
besonders gute Nachahmungslernerin, zumindest für
Hunde-Verhältnisse, ist unsere Sunny. Beim gemeinsamen Training
mit Deli hängt sie auf ihrem Podest ab, wenn sie
gerade nicht an der Reihe ist, dass man meinen könnte, sie sei
mit ihren Gedanken im Wolkenkuckucksheim. Aber immer wieder kommt
es vor, dass sie anschließend genau den Trick, an dem ich mit
Deli gearbeitet habe, ganz stolz selber vorführt, obwohl sie ihn
noch nie probiert hat. Dass ausgerechnet Sunny diese Vorliebe
für das Nachahmungslernen zeigt, ist bestimmt kein Zufall.
Natürlich haben wir (Zwei- und Vierbeiner) von der Natur die
Fähigkeit zum Nachahmungslernen mitbekommen, damit wir uns vor
allem an unseren Eltern orientieren können. Als Sunny als
kleiner Welpe zu uns kam, war Deli etwa zweieinhalb Jahre alt.
Sie begann sofort, mir bei der Erziehung des kleinen Rackers
tatkräftig zu helfen. Deli hatte bei Sunny ein Stück weit die
Mutterrolle übernommen und damit wurde sie wohl auch zum Vorbild
für Lernaufgaben.
Wenn
schon das Nachahmungslernen von Tieren ein Stiefkind der
Tiertrainingsliteratur ist, wird eine Problemlösung durch
Denkprozesse bei Tieren oft gar nicht erst in Erwägung
gezogen. Zu Unrecht!
Als
ich beispielweise einmal Schweinchen Piccolino das Wägelchen,
mit dem er einige Tricks zeigt, verkehrt herum anbot,
betrachtete er es kurz und eingehend und stellte es dann sofort
gezielt auf die Räder.
Hier war kein Ansatz von Probieren
festzustellen: Das Schweinchen hat den umgedrehten Wagen
eindeutig als sein Wägelchen erkannt, das aber
falsch stand. Dies ist ein rein kognitiver Prozess.
Und ich könnte schwören, Picco hat mit dem leicht verärgerten
Hm!, das er dabei von sich gab, gemeint: Da
kann doch kein Schwein arbeiten, wenn die Requisiten verkehrt
herum stehen!

Dass Piccolino umgedrehte
Requisiten erkennt, zeigt ein weiterer Versuch.
Das Schweinchen soll
Spielsachen aufräumen. Aber plötzlich biete ich das Körbchen
verkehrt herum an. Piccolino sieht, dass der Korb mit dem Boden
nach oben steht, legt das Spielzeug ab, dreht das Körbchen mit
dem Rüssel um und beginnt anschließend einzuräumen.
Natürlich kennt das Minipig den
Trick inzwischen. Allerdings gab es auch beim allerersten Versuch
keine Ansätze von Probieren. Der Korb wurde sofort gezielt
aufgestellt und Piccolino begann unmittelbar darauf mit dem
Einräumen der Spielsachen.

Eine
weitere Übung, die besonders viel Denkarbeit beinhaltet, ist
das Auffädeln von Ringen auf einen Ringeturm
und zwar der Größe nach geordnet. Die Ringe werden
dabei in immer anderen Anordnungen auf dem Boden ausgelegt.
Zwar hat das Minipig diesen Trick
durch Übung erlernt und dabei Stadien von Versuch und Irrtum
durchlaufen, das heißt, operantes Lernen spielt eine Rolle. Aber
eine Reihenfolge ist ein abstraktes Prinzip. Ohne eine gewisse
Einsicht in dieses würde das Lernen hier wohl eindeutig auf eine
Grenze stoßen.
Die Unterscheidung, die ich
bezüglich der unterschiedlichen Lernformen getroffen habe, ist
ein wenig künstlich. Sie erhebt nicht den Anspruch auf
Vollständigkeit und besagt nicht, dass diese Lernformen streng
voneinander getrennt werden können. Sie soll nichts weiter sein
als ein Modell, das erklärt, weshalb wir als Tiertrainer gut
daran tun, in unterschiedlichen Trainingssituationen verschiedene
Trainingstechniken zur Verfügung zu haben.
Im Trainigsalltag haben wir
meistens mit Mischformen des Lernens zu tun. So hat operantes
Lernen kognitive Anteile und umgekehrt. Bewegungslernen ist oft
in der Anfangsphase operant. Vor allem aber sind
höchstwahrscheinlich die beim Nachahmungslernen hochaktiven
Spiegelzellen immer aktiv, unabhängig davon, wie und was das
Tier gerade lernt (es sei denn, man überlässt es, in einer
Skinnerbox z. B., in der Belohnung und Bestrafung durch die
Apparatur selbst erfolgt, vollkommen sich selbst). Das bedeutet,
dass der Intensität der Beziehung zwischen dem Trainer und
seinem Tier eine überragende Rolle zukommt.
Das
Tennisspielen hat Piccolino operant gelernt. Allerdings erkennt
er es auch, wenn der Ball in einer ungünstigen
Position liegt. In diesem Fall legt er den Schläger ab,
platziert den Ball vor dem Schläger, den er daraufhin wieder
aufnimmt, um weiterzuspielen. Oder aber er legt den Ball direkt
auf die Schlagfläche. Diese Formen der Problemlösung gehen
wieder weit über operantes Lernen hinaus und wurden auch
spontan, ohne jeden Ansatz von Probieren gezeigt.
Das waagrechte Einschieben eines Balles in das
Lernspielzeug ist eine schwierige Aufgabe, an der Piccolino
längere Zeit geübt hat. Inzwischen meistert er die Aufgabe ohne
Schwierigkeiten und folgt auch korrekt meinen (nur
gesprochenen!) Anweisungen, welches Loch er benutzen soll,
das erste, das zweite oder das dritte. Wieder gibt es hier
eine Basis von Lernen durch Versuch und Irrtum. Beim
Unterscheiden der Löcher aber konnte man deutlich merken, wie
aktiv die Spiegelzellen waren: Hier orientierte er sich
ganz stark an meiner Reaktion.
Bestimmte Requisiten haben im
Tiertraining nur den Zweck, das Erarbeiten von Tricks zu
erleichtern. Sie werden später wieder abgebaut.
Ein Tier mit einem Leckerbissen zu
locken, ist nichts Verwerfliches. Möchte ich z. B. einen Hund
dazu bringen, durch meine Beine Slalom zu laufen, kann ich das
erreichen, indem ich ihn mit einem Leckerchen dorthin locke, wo
ich ihn haben möchte. Der Nachteil dieser Vorgangsweise ist,
dass manche Tiere so auf den Leckerbissen fixiert sind, dass sie
unaufmerksam werden. Oft ist es dann schwierig, das
Lock-Leckerchen wegzulassen. Sobald ich nichts mehr in der Hand
habe, macht das Tier keine Anstalten mehr, den Trick
auszuführen.
Hier
bietet sich das sogenannte Target an, das ich im Clickertraining
kennen gelernt habe. Target bedeutet Ziel. Ich bringe
dem Tier zunächst bei, einen Gegenstand (Fliegenklatsche,
Kochlöffel oder einfach meine Hand) mit der Nase zu berühren.

Bald wird das Tier dem Target
folgen und ich kann es so ohne Leine (oder Leckerchen vor der
Nase) führen.
Mit
einem über den Kopf des Tieres gehaltenen Target lassen sich mit
dafür begabten Vierbeinern das Hochsitzen und das Tanzen auf den
Hinterfüßen recht gefahrlos trainieren.

Das Tier wird am Target anfangs die Position nur
kurz halten und die Zeit mit zunehmender Stärkung der
Rückenmuskulatur von selbst steigern, bis es schließlich
entspannt im Gleichgewicht sitzt.
Das
Target lässt sich in verschiedener Weise abbauen. Einen Stab
kann ich schrittweise im Ärmel verschwinden lassen oder bei
einer Fliegenklatsche etwa, auch die zu berührende Fläche immer
kleiner schneiden. Wenn ich meine Hand als Target verwende,
vergrößere ich schrittweise den Abstand zum Tier, bis
schließlich eine angedeutete Handbewegung genügt.
Manche Trainer halten die Arbeit
mit einem Target für eine elegantere Form des Lockens. Dies sehe
ich allerdings nicht so. Es gibt Tiere, die in bestimmten
Situationen ein wenig Führung brauchen, um sich sicher zu
fühlen. Beim Führen durch ein Target bleibt die Belohnung eine
Belohnung, die man nach getaner Arbeit erhält. Beim
Locken hingegen ist das Leckerchen keine Belohnung, sondern ein
Köder.
Eine interessante Variante ist das
Pfoten- oder Fußtarget. Ich verwende dazu meist einen
Plastikdeckel oder ähnliches, der mit der Pfote oder dem Fuß
berührt werden sollen. Auch hier gelangen wieder Tricks mit
Minipig Piccolino, die ich zunächst nicht für möglich gehalten
hätte. Ein Schwein setzt seine Füße nicht gezielt ein. Es
pfötelt nicht wie Hund oder Katze. Dennoch hat
Piccolino Pfötchen geben, Lift (Fuß
hoch) und Ansätze des Spanischen Tritts gelernt.

Das Minipig spielt ein
Babykeyboard oder auch eine kleine Basstrommel für Kinder nicht
in schweinetypischer Art mit dem Rüssel, sondern mit dem Fuß.
Grundlage all dieser Tricks war das
zunächst zufällige Betreten der Plastikscheibe, das ich sofort
bestärkt habe. Piccolino schien sich bald an dem kleinen
Klack zu orientieren, das der Huf auf dem Deckel
hervorruft. Damit wurde das Füßchen gezielt eingesetzt und
alles andere war nur noch die logische Fortsetzung dieser Arbeit
mit dem Hilfsrequisit.
Hilfsrequisiten für Tricks, die
eine ausdrückliche Erlaubnis des Trainers erfordern
Nicht bei allen Tieren ist es so
aber viele, manche Hunde z. B., finden es unhöflich,
über ausgestreckte Arme oder Beine oder gar auf den Arm oder den
Rücken ihres Menschen zu springen. Mit Hilfsrequisiten wie
Targets oder Reifen, kann ich dem Hund zeigen, dass der Sprung
nicht nur erlaubt, sondern sogar erwünscht ist.
Beim Sprung über mein ausgestrecktes Bein z. B.
kann ich einen Reifen verwenden, den der Hund schon als
Requisit, das durchsprungen werden soll, kennt.
Nach
einigen gelungenen Versuchen ist es kein Problem mehr, den Reifen
wegzulassen. Der Hund hat nun die Erlaubnis zu diesem Sprung. Er
hat verstanden, dass das vor ihm ausgestreckte Bein nicht
bedeutet Halt! Geh nicht weiter!, sondern
Spring, und nun macht die zuvor mit einem Tabu
belegte Übung richtig Spaß!
Für den Sprung auf den Rücken
kann ich eine Decke als Target verwenden. Ich belohne den Hund
zunächst dafür, dass er auf die Decke geht, egal wohin ich sie
lege: auf verschiedene Plätze auf dem Boden, auf ein Podest usw.
Nun lege ich mich flach auf den Bauch mit der Decke am Rücken.
Sobald der Hund mit allen Vieren auf meinem Rücken steht, kann
ich die Decke weglassen. Der nächste Schritt ist, dass ich mich
mit aufgestützten Händen hinkniee und den Hund aufspringen
lasse. Danach hocke ich.
Auch mein kleiner Cairnie hat
einen perfekten Rückensprung gelernt. Und es macht Sunny
besonderen Spaß, mir in luftiger Höhe den Hut zu klauen.
Ein fester Platz, zu dem das Tier
nach Beendigung eines Tricks zurückkehrt, ist natürlich
besonders dann wichtig, wenn man mit mehreren Tieren zugleich
arbeitet. Allerdings ist es auch im Training mit einem einzelnen
Tier sehr hilfreich, so einen Platz zu haben. Das Tier kann z. B.
bei allen Tricks, bei denen es sich nicht vorwärts bewegen soll,
auf diesem stationiert werden und auf seinem Platz warten,
während Requisiten umgebaut werden.
Im Circus nennt man den festen
Platz Heim dritter Ordnung (das Heim erster Ordnung
ist der Stall und der Auslauf, das Heim zweiter Ordnung die
Manege). Er kann und sollte ein Wohlfühlort für das Tier
werden, ein Zuhause, wo es gerne und
selbstverständlich warten wird, wenn ein anderes Tier an der
Reihe ist.
Der Platz sollte immer
ein Podest, ein Hocker oder eine Kiste sein. Teppiche, Decken u.
ä. sind nicht so günstig. Sie sind sie nicht so markant wie ein
Podest. Außerdem fühlen sich Tiere auf erhöhten Plätzen wohl,
weil ihnen diese mehr Übersicht gewähren. Dies vermittelt ein
Gefühl von Sicherheit.
Podeste können aber auch eine
wichtige Funktion als Hilfsrequisit haben, wenn es um Tricks für
zwei Tiere geht, wie z. B. das Übereinanderhinwegspringen.
Manche Tiere haben überhaupt kein Problem damit, über einen
Artgenossen zu springen oder übersprungen zu werden, für andere
wieder sind solche Übungen zunächst ein wenig unheimlich. Hier
helfen Podeste sehr, die anfängliche Scheu zu überwinden. Das
Tier, das übersprungen werden soll, lernt als erstes, zwischen
zwei Podesten stehen zu bleiben. Eventuell kann man zusätzlich
ein Fußtarget verwenden, um es sicher zu stationieren. Nun wird
ein Reifen über das Tier gehalten. Der Springer sollte bereits
den Sprung durch einen Reifen von Podest zu Podest kennen. Bald
wird der Springer problemlos über seinen entspannt zwischen den
Podesten stehenden Kollegen hinwegsetzen. Beide Tiere werden
zugleich belohnt. Als erstes wird beim Übersprung der Reifen
weggelassen. Danach kann man Schritt für Schritt immer
niedrigere Podeste verwenden, bis die Tiere ohne Hilfsmittel mit
viel Spaß einander auch vom Boden aus überspringen. Bei
gemischten Gruppen ist geduldiges, vorsichtiges Vorgehen
besonders wichtig. Wenn meine Hunde beispielsweise das
Schweinchen überspringen, verwende ich zwar keinen Reifen mehr,
aber sicherheitshalber immer Podeste. Der Lohn der Mühe ist
nicht nur ein hübscher, neuer Trick, der sich zu zahlreichen
Varianten weiterentwickeln lässt, sondern diese Arbeit fördert
auch das Vertrauen der Tiere untereinander.

Auch bei solchen Tricks hilft
das Podest: Piccolino und ich drehen ein Sprungseil für
Springerin Deli. Wäre das Schweinchen nicht stationiert, würde
es während der Übung versuchen, näher an mich heranzukommen.
GANZHEITLICH TRAINIEREN/DIE
ROLLE DES MENSCHEN IM TIERTRAINING
Es gibt Unmengen von
Trainingsbüchern, vor allem zum Thema Hunde- und Pferdetraining.
Natürlich habe auch ich viele davon gelesen, als ich mit dem
Tiertraining begann. Wie wohl jeder Anfänger war ich dankbar
für klare Anleitungen, suchte nach Methoden und war verwirrt:
Die meisten Autoren von Trainingsbüchern berufen sich auf
wissenschaftliche Grundlagen für ihr Trainingssystem, die
Verhaltensforschung (Ethologie) oder auch bestimmte
lerntheoretische Modelle. Wie kann es also sein, dass die
Vorgangsweisen so unterschiedlich sind?
Verhaltenswissenschaften sind
exakte, beobachtende und experimentierende Wissenschaften. Durch
kontrollierte Versuchsbedingungen und exakt dokumentierte
Beobachtung kann die Illusion einer vollkommenen Objektivität
entstehen wenn auch nicht immer bei den Forschern selbst,
so doch oft bei den Anwendern und Nutzern der Erkenntnisse. So
wird leicht vergessen, dass jede Beobachtung interpretiert werden
muss. Und Interpretation ist niemals objektiv.
Oft gibt es auch Störvariable und
Fehler in den Versuchsbedingungen oder den Gegebenheiten, unter
denen Beobachtungen gemacht werden.
Ein gutes Beispiel hierfür ist die
Dominanztheorie, die in der Hundeausbildung und Erziehung so
starke Beachtung fand und leider immer noch findet
dass ganze Trainingssysteme auf ihr aufgebaut wurden, bzw.
werden. Sie besagt, dass es im Wolfsrudel (ethologisches Vorbild
für den Umgang mit Hunden) immer um Rang und Vormachtsstellung
ginge. Jeder im Rudel strebe ständig danach, nach oben zu kommen
und das Alphapaar müsse daher dauernd seine Vormachtstellung
demonstrieren.
Ein vollkommen anderes Bild ergeben
die Forschungen von David Mech. Er kommt zu dem Schluss, dass das
typische Wolfsrudel eine Familie ist, in der die erwachsenen
Elterntiere die Aktivitäten der Gruppe über ein System der
Arbeitsteilung anführen.
Worin bestand der Unterschied
zwischen früheren Untersuchungen und dieser? Die meisten
Forscher, die aufgrund ihrer Beobachtungen zu dem Dominanzmodell
gekommen waren, hatten an Gehege-Wolfsrudeln geforscht, während
es Mech gelang, in Kanada wirklich freilebende Rudel unter
absolut natürlichen Bedingungen zu beobachten.
Ein weiterer Grund für die oft
drastischen Diskrepanzen innerhalb der verschiedenen Theorien und
der aus ihnen abgeleiteten Trainingssysteme, scheint mir die Idee
zu sein, der Beobachter könne verhindern, irgendeinen Einfluss
auf den Beobachteten (hier: das Tier) oder das Experiment zu
haben. Schon Albert Einstein wusste:
Es ist durchaus falsch, zu
versuchen, eine Theorie auf beobachtbaren Größen aufzubauen. In
Wirklichkeit tritt gerade das Gegenteil ein. Die Theorie
bestimmt, was wir beobachten können.
Ein Beispiel für eine Theorie, die
über lange Zeit hinweg das bestimmte, was Menschen im Hinblick
auf Tiere beobachten konnten, war die Sichtweise des
französischen Naturforschers René Descartes, der
ausschließlich dem Menschen eine empfindungsfähige Seele
zusprach, während Tiere seiner Ansicht nach letztlich rein
instinktgesteuerte Lebewesen waren. Descartes lebte im 17.
Jahrhundert. Was ich jedoch jüngst einer Tierzeitschrift
entnahm, stammt nicht aus dem 17. Jahrhundert, sondern aus dem
Jahr 2006 hier erklärt ein Hundetrainer, dass
Eigenschaften, Charakterzüge und Begriffe wie z. B. Liebe,
Treue, Ehrgeiz, Trauer ... rein menschlich seien und es daher
unsinnig und falsch sei, sie auf den Hund anzuwenden. Auch wenn
es manchmal so aussehe, als würde der Hund trauern oder seinem
Herrn durch dick und dünn folgen, sei dies eine rein
trieborientierte Handlung, da ein Hund solcher Gefühle
grundsätzlich nicht fähig sei. Hierbei handelt es sich um eine
durchaus heute noch verbreitete Ansicht. Dieser steht allerdings
die Tatsache gegenüber, dass die moderne Gehirnforschung mit
ihren High-Tech-Methoden offensichtlich dabei ist, den Gefühlen
Eintritt in die Welt der Biologie zu verschaffen.
Naturwissenschaftlich gesehen
hätten Tiere eindeutig Gefühle, meint der Professor für
Zoologie und Neurobiologie Jörg-Peter Ebert. Man sei sich nur
noch nicht einig, wie diese genau aussehen. Neurowissenschaftler
Panksepp, der Entdecker des Lachens bei Ratten, sagt: Es
gibt nun überwältigende wissenschaftliche Beweise, dass Tiere
Gefühle haben. Schließlich wurden alle Arzneimittel für die
Behandlung von emotionalen und psychiatrischen Störungen beim
Menschen zunächst an Tieren entwickelt und für wirksam
befunden. Diese Art der Forschung wäre offensichtlich wertlos,
wenn Tiere diese emotionalen Zustände nicht selbst erleben
könnten. Der Bremer Hirnforscher Gerhard Roth kommt zu dem
Schluss, dass Gefühle das gesamte Denken dominieren
sowohl beim Menschen als auch bei Tieren. Er zeigt, dass
zumindest Säugetiere alle Gehirnzentren besitzen, die im
menschlichen Gehirn tätig sein müssen, damit wir Gefühle
haben, und dass diese Zentren in derselben Weise miteinander
verknüpft und aktiv sind wie beim Menschen auch.
Um wirklich effektiv mit
wissenschaftlichen Modellen umgehen zu können, halte ich es für
sehr wichtig, die Entwicklung zu verfolgen und immer wieder
neueste wissenschaftliche Erkenntnisse für das Training nutzbar
zu machen. Tiertrainer und Tierpsychologen werden zunehmend neben
ethologischen Grundlagen genau so die Ergebnisse der
Neurobiologie berücksichtigen müssen, wie das für den
klinischen (Human-)Psychologen in der heutigen Zeit unabdingbar
geworden ist. Auch die Bindungsforschung an Mensch und Tier sowie
die Erforschung der Auswirkungen des Umgangs mit Tieren für den
Menschen liefern Erkenntnisse, die unser Bild von der
Mensch-Tierbeziehung revolutionieren könnten.
Aber es gibt eine weitere
Erklärung, weshalb Ethologie und Lerntheorie, die ja meist
ohnehin auf die Skinnersche Theorie des operanten Lernens
beschränkt ist, als alleinige Grundlage des Trainings von Tieren
nicht ausreichen: Als Tiertrainer sind wir in einer ganz
anderen Situation und wir tun etwas völlig anderes als der
forschende Wissenschaftler. Was sich schon für den Forscher oft
als Illusion entpuppt, gilt für uns als Tiertrainer in einem
noch viel stärkeren Ausmaß: Wir sind keine objektiven
Beobachter. Wir führen auch keine Lernversuche unter
Laborbedingungen durch. Wir gehen bewusst eine Beziehung ein. Das
ist etwas grundlegend anderes.
Jede Beziehung ist ein
System, in dem sich die einzelnen Teile des Systems
in diesem Fall also der Mensch und das Tier/die Tiere
wechselseitig beeinflussen. Beziehen wir uns also
ausschließlich auf verhaltens- oder lerntheoretische Grundlagen,
besteht die Gefahr, diesen wichtigen Aspekt des Tiertrainings
auszublenden.
Der Anthropologe Gregory Bateson,
der auch über Kybernetik, Biologie und Psychotherapie
geschrieben hat, vor allem aber durch die Entwicklung der
Doppelbindungstheorie der Schizophrenie bekannt wurde, nutzt das
Delphintraining als Modell für Führen und Lehren insgesamt.
Während seiner Lehrtätigkeit an der Universität Hawaii hatte
er auch mit Delphinen am Ozeanischen Institut Hawaii gearbeitet.
In seiner Delphin-Parabel zeigt er die Bedeutung der
Beziehung zwischen Trainer und Tier sehr eindrucksvoll auf:
Ich selbst habe, kaum dass ich mit
dem Tiertraining begonnen hatte, festgestellt, dass mich an
dieser Tätigkeit in erster Linie genau jene Aspekte
interessierten, die Bateson am Beispiel des Delphintrainings
aufzeigt. Von Anfang an standen neben der Förderung der
Kreativität die Kommunikation, sowie die Rolle und die
Entwicklung der Beziehung zwischen meinen Tieren und mir im
Mittelpunkt meiner Aufmerksamkeit.
Mit großer Faszination bemerkte
ich, dass nicht nur die Tiere, mit denen ich arbeitete, sich
veränderten, sondern auch ich selbst. Ich entdeckte Fähigkeiten
in meinen Tieren, die mich zum Staunen brachten und damit
meine ich nicht nur das Erlernen schwieriger Tricks. Ich staunte
über ihren enormen Einfallsreichtum auf der einen, und die
Fähigkeit, Handlungen umzusetzen, die ich mir wünschte, aber
oft noch gar nicht signalisiert hatte zumindest nicht
bewusst auf der anderen Seite. Ich konnte wahrnehmen, wie
stark meine Tiere das spiegelten, was im Training innerlich in
mir vorging.
Und ich entdeckte völlig neue
Fähigkeiten in mir. Ich hatte begonnen, die Übungen nicht mehr
von außen, sondern sozusagen aus den Augen des Tieres zu sehen.
Es war mir vollkommen klar, weshalb z. B. meine Hunde, als sie
das Laufen auf den Hinterbeinen erlernten, zunächst rückwärts
liefen. Es war regelrecht spürbar, warum es so für einen
Vierbeiner anfangs leichter ist, das Gleichgewicht zu halten. Ich
wusste, ohne darüber nachzudenken, wie es sich anfühlte, weil
ich es innerlich miterlebte.
Durch die gemeinsame Arbeit
intensivierte und veränderte sich die Kommunikation zwischen
meinen Tieren und mir in einer Art, die ich niemals für möglich
gehalten hätte. Sie wurde zunehmend ganzheitlicher, intuitiver,
immer öfter stellte sich das Gefühl des Miteinander-Schwingens
in einem ungeahnten Gleichklang ein, das man Resonanz
nennt.
Begriffe wie Intuition
und Resonanz scheinen auf den ersten Blick in die
Esoterik-Ecke zu gehören. Aber der Schein trügt. Die moderne
Neurophysiologie liefert uns die wissenschaftlichen Hintergründe
für Resonanzphänomene. Fakt ist, dass wir heute wissen, dass es
so etwas wie eine neurobiologische Resonanz gibt und wir wissen
bis zu einem gewissen Grad, wie Intuition funktioniert
(nachzulesen z. B. bei Joachim Bauer Internist und
Psychiater, Professor für Neuroimmunologie: Warum ich fühle,
was du fühlst. Intuitive Kommunikation und das Geheimnis der
Spiegelneurone. Hoffmann und Campe 2005).
Die Frage, wie ich im Training
methodisch vorgehe, wie ich an bestimmte Tricks herangehe, wurde
immer unwichtiger. Ich musste ja einfach nur auf mein Tier
achten, es zeigte mir schon den Weg. Stattdessen beschäftigte
mich die Frage: Was passiert da zwischen uns? Warum
gelangen Tricks, die ich, wenn ich darüber nachgedacht hätte,
im Grunde selber für unmöglich gehalten hätte?
Damit, dass ein Schweinchen,
das darauf trainiert war, Plastikdeckel aller Art als
Fußtarget zu benutzen, nicht auf diesen Deckel treten, sondern
ihn auf Anhieb aufheben und auf die Box legen würde, hätte ich
nun wirklich nicht gerechnet.
Und unmittelbar darauf ohne jede Anweisung
von mir verschließt das Minipig die Box, indem es den
Deckel so lange hin- und herruckelt, bis er korrekt einrastet.
Immer deutlicher wurde es, dass ich
Tricks wie z. B. das Hochsitzen, nicht nur mechanisch, also z. B.
durch das Hinauszögern der Belohnung, verlängern konnte,
sondern auch dadurch, dass ich selbst innerlich in einer gewissen
Arbeitsspannung blieb (die natürlich etwas ganz
anderes als eine Verspannung oder gar Verkrampfung). Und ich
konnte Tricks beenden, indem ich diese entspannte
Spannung beendete.
Warum gelang Schweinchen Picco die
Drehung auf dem Schwebebalken, wenn ich sie
hochkonzentriert innerlich mitvollzog, aber nicht,
wenn ich nur einen kurzen Moment
lang unaufmerksam war?
Natürlich
begann ich bald, meine Aufmerksamkeit auch dann auf diese
Vorgänge zu lenken, wenn ich mit anderen Leuten und deren Tieren
arbeitete. Immer wieder wurde es deutlich, wie stark Tiere ihren
Menschen und dessen Gefühle zu spiegeln scheinen, wie heftig sie
darauf reagieren können, wenn sich ihr Mensch unter Erfolgsdruck
setzt, selbst wenn diesem das selbst zunächst gar nicht bewusst
sein mag, wie konsequent sie sich weigern können, etwas zu
lernen, wogegen der Besitzer vielleicht nur im hintersten
Winkelchen seines Bewusstseins Vorbehalte oder Versagensängste
hat.
All diese Fragen und Beobachtungen
bewirkten, dass die Tiere selbst zu meinen wichtigsten Lehrern
wurden. Für mich wurde es immer deutlicher, dass ich über eine
Trainingsmethodik hinausgehen wollte, die ausschließlich oder
zumindest überwiegend auf das Tier fokussiert. So entwickelte
sich wie von selbst eine Trainingsform, die ich
Ganzheitliches Training nenne.
Nein, ich hatte dieses Rad nicht
erfunden. Ich hatte durch meine seit der Kindheit bestehende
Verbindung zum Circus viel zu oft hervorragende Tierlehrer bei
der Arbeit beobachtet, um nicht zu wissen, dass da noch etwas
war, was weit über ethologisches Wissen und dem Tier
entsprechende, zwangsfreie und positive Trainingsmethoden
hinausging: die schwer zu beschreibende, tiefe Verbindung zum
Tier. Ganz offensichtlich war die Kommunikation zwischen diesen
herausragenden Trainern und ihren Tieren sehr viel intensiver und
differenzierter, als das, was als tiergerechtes Vorgehen bekannt
ist, und worauf sich auch die guten unter den Trainingsbüchern
in der Regel beschränken. Ausnahmen bestätigen die Regel: In
dem Buch Horse, Follow Closely von GaWaNi Pony Boy,
einem Cherokee-Indianer, habe ich viele von den Dingen, die ich
im Tiertraining entdeckt hatte, wiedergefunden (erschienen im
Kosmos Verlag, 2. Auflage 2004).
In der Zwischenzeit habe ich viele
exzellente Tiertrainer/Tierlehrer noch einmal sehr genau bei der
Arbeit beobachtet und etliche von ihnen auch intensivst befragt.
Nicht alle gaben sofort umfassend Auskunft. Und bald wurde mir
klar, warum. Das, was bei einer intensiven Verbindung zwischen
Mensch und Tier passiert, ist sehr schwer in Worte zu fassen.
Du musst eben denken wie ein Tier!, kriegte ich in
der Regel erst einmal zu hören. Oft konnte ich jedoch, wenn ich
von meinen eigenen Erfahrungen berichtete, tiefer in den Reichtum
ihres besonderen Wissens eindringen.
Der Verhaltensforscher Georg
Kleemann, der auch über Circustiere gearbeitet hat, schreibt in
seinem Buch Manege frei (Kosmos 1968):
Das innige Tierverständnis
hat schließlich heute noch etwas sehr Geheimnisvolles an sich.
Es ist ein rational noch nicht fassbarer Vorgang (...). Der
nüchterne Betrachter kann nichts anderes tun, als festzustellen,
dass es Menschen gibt, die ein so ursprüngliches Verhältnis zu
Tieren haben, dass heute noch kein Denkprozess all ihren
intuitiven Handlungen folgen kann. Vielleicht werden diese
Beziehungen bei weiterer Entwicklung der psychologischen
Forschung und der Verhaltensforschung eines Tages aufgeklärt
vielleicht wird das auch nie der Fall sein.
Es scheint, als seien wir heute
diesen Vorgängen wirklich ein Stück weit auf der Spur, auch
wenn nach wie vor kein Denkprozess jemals die Geschwindigkeit zu
entwickeln vermag, um intuitiven Handlungen folgen zu können.
Allerdings wissen wir: Die Gehirne von Menschen und Tieren
verfügen über Spiegelnervenzellen, die nicht nur beim Lernen
eine vorrangige Rolle spielen, sondern auch dafür zuständig
sind, dass wir Feinheiten wahrnehmen, uns in andere einfühlen,
andere verstehen, Gefühle mit-fühlen, Handlungen vorausahnen
und intuitiv reagieren können. Wir haben es also wohl doch nicht
mit einer (mehr oder weniger ernst genommenen) Fähigkeit zur
Intuition beim Menschen einerseits und andererseits einem
ausgeprägten Instinkt von Tieren zu tun, wie das oft
gesehen wird, sondern mit einem neuronalen System, das Menschen
und Tieren gemeinsam ist und miteinander in Kommunikation treten
kann.
Als Intuition im kommunikativen
Zusammenhang würde ich zunächst einmal die Fähigkeit
bezeichnen, innerhalb von Sekundenbruchteilen auch jene Signale
wahrzunehmen, die weder dem Sender noch dem
Empfänger bewusst werden. Die Wahrnehmung selbst
bezieht sich nicht auf Details, sie ist ganzheitlich. Sie erfolgt
unterhalb der Bewusstseinsschranke und führt direkt zu einer
Reaktion, ohne dass der analytische Verstand dazwischen
geschaltet wird.
Tiere sind Meister der intuitiven
Wahrnehmung. So schreibt der Primatologe Ray Carpenter:
Stell dir vor, du bist ein
Affe und läufst einen Pfad entlang, um einen Felsen herum und
stehst plötzlich vor einem anderen Tier. Bevor du weißt, ob du
es angreifen, ignorieren oder ob du fliehen sollst, musst du eine
Vielzahl von Entscheidungen treffen. Ist es ein Affe oder ein
Nicht-Affe? Wenn es ein Nicht-Affe ist: ist es ein Pro-Affe oder
ein Anti-Affe? Wenn es ein Affe ist, ist er weiblich oder
männlich? Wenn es ein Weibchen ist, ist es in der Hitze? Wenn es
ein Männchen ist, ist es erwachsen oder jung? Wenn es erwachsen
ist, gehört es zu meiner oder zu einer anderen Gruppe? Gehört
es zu meiner Gruppe, ist es ranghöher oder rangtiefer? Es bleibt
dir ungefähr ein Fünftel Sekunde, um alle diese Entscheidungen
zu treffen, andernfalls kannst du angegriffen werden.
(Zitiert nach Paul Watzlawick: Wie
wirklich ist die Wirklichkeit? Wahn, Täuschung, Verstehen. Piper
München-Zürich)
Diese Art der
ganzheitlich-intuitiven Wahrnehmung zeige ich gerne mit
Schweinchen Piccolino anhand unseres Rechentricks.
Dabei nennt jeweils ein Zuschauer eine Rechenaufgabe mitsamt
einem entweder richtigen oder auch falschen Ergebnis. Ich
wiederhole die Aufgabe und zeige dem Schweinchen eine Tafel mit
der entsprechenden Zahl darauf. Ist das Ergebnis korrekt, nimmt
Picco das Täfelchen. Ist das Ergebnis falsch, nimmt er es nicht,
setzt sich stattdessen und guckt zur Seite.
Natürlich hatte ich den
Rechentrick am Anfang ganz klassisch trainiert. Ich
führte ein Signal für falsch ein, an dem das
Minipig sich orientieren sollte, und das ich mit der Zeit immer
unauffälliger werden lassen wollte. Bald jedoch hatte ich
herausgefunden, dass der Trick am besten funktionierte, wenn ich
gar nichts tat, außer ganz intensiv richtig oder
falsch zu denken. Piccolino irrte fast nie
vorausgesetzt ich hatte mich nicht verrechnet.
Unser Rechentrick war auch
Bestandteil eines Films, der für das koreanische Fernsehen
gedreht wurde. Ich staunte nicht schlecht, als ich den Mitschnitt
der Sendung bekam: Obwohl ich schon bemerkt hatte, wie fasziniert
der Regisseur von diesem Kunststück war, hätte ich doch nicht
damit gerechnet, dass die Koreaner einen Wissenschaftler
beauftragen würden, der versuchen sollte, genau herauszufinden,
woran Piccolino sich orientierte. Dieser konnte beweisen, dass
der Klang meiner Stimme eine unterschiedliche
Frequenzzusammensetzung zeigte, je nachdem ob ich ein richtiges
oder ein falsches Ergebnis vorschlug und interpretierte dies als
jenes Signal, an dem das Schweinchen ablas, was es tun sollte.
So feine Unterschiede im Stimmklang
zu registrieren, die nur mittels eines Stimmdecoders entdeckt
werden konnten, wäre bereits eine gewaltige Wahrnehmungsleistung
wenn sie denn tatsächlich das ausschlaggebende Signal
für Piccolinos jeweilige Reaktion gewesen wären. Ich war
allerdings überzeugt, dass das Minipig sich nicht an einem
einzigen Signal orientierte, sondern ganzheitlich-intuitiv
aufnahm, wie es sich verhalten sollte. Gleich am nächsten Tag
versuchten wir die Übung ohne Stimme. Statt die Rechenaufgabe
auszusprechen, dachte ich sie mir nur. Allerdings musste ich mich
bei dieser Variante viel stärker konzentrieren als sonst. Gelang
mir dies, bewältigte Piccolino die Aufgaben reibungslos.
Intuition oft mit
Instinkt, andererseits aber auch mit Telepathie
gleichgesetzt.
Der Begriff Instinkt
ist sowohl im Bereich der Humanpsychologie als auch in der
Tierpsychologie nicht mehr sehr gebräuchlich. Charles Darwin und
viele andere nach ihm haben das Instinktkonzept verwendet, um
komplexes, fein auf die Umweltverhältnisse abgestimmtes
Verhalten zu kennzeichnen, das scheinbar ohne Zuhilfenahme der
Intelligenz erreicht und auf bestimmte Ziele ausgerichtet war.
Im Gegensatz zum
intelligenzfreien Instinkt, definierte man in der
Psychologie die Intuition als eine Handlungsweise der
Intelligenz, als eine Form der direkten Erkenntnis, die durch
ihre Unmittelbarkeit und ihre Plötzlichkeit charakterisiert ist.
Den Instinkt schrieb man
überwiegend den Tieren zu, die Intuition, so man sie überhaupt
wissenschaftlich betrachtete, selbstverständlich ausschließlich
dem Menschen. Heute wissen wir: Bestimmte neurale Vorgänge, die
dem Menschen und den höheren Tieren gemeinsam sind, sind für
die Intuition verantwortlich. Sowohl Menschen als auch Tiere
verfügen über Intuition.
Telepathie ist die Übertragung von
Gedanken von Mensch zu Mensch, von einem Menschen zu einem Tier
oder umgekehrt. Von Telepathie kann man nur dann sprechen, wenn
die Wahrnehmung eines Gefühls oder Gedankens einer anderen
Person oder eines Tieres keine sinnliche Grundlage hat.
Dass telepathische Kontakte
zwischen Menschen und Tieren möglich sind und sehr viel
häufiger vorkommen, als man annehmen würde, wissen unzählige
Tierhalter, auch ich selbst, aus eigenem Erleben. Der Biologe und
Biochemiker Rupert Sheldrake hat diese sehr exakt systematisch
erforscht und dokumentiert (Rupert Sheldrake: Der siebte Sinn der
Tiere. Ullstein, München 2001. Und: Der siebte Sinn des
Menschen. Scherz Verlag, Bern 2003).
Es ist durchaus möglich, dass
telepatische Kontakte so etwas wie die Fortführung der einfachen
sozialen Intuition auf einer höheren Ebene sein könnten. Über
diesen Zusammenhang gibt es jedoch noch keine gesicherten
Erkenntnisse.
Intuition ist jedes unmittelbare,
ohne bewusstes Nachdenken vollzogene Erfassen von Erkenntnissen,
Lösungen, sowie von Gefühlen oder auch das Vorausahnen von
Handlungen anderer, auch dann, wenn diesem Erfassen sinnliche
Wahrnehmungen zugrunde liegen, die in der Regel unbewusst
bleiben.
Im Gegensatz zu Tieren misstrauen
wir Menschen unserer Intuition häufig. Sie ist daher oft zu
wenig trainiert und wird leicht vom rationalen, analytischen
Denken überdeckt. Selbstverständlich ist es wichtig, das, was
wir intuitiv erfassen, mit dem Verstand zu überprüfen
allerdings hinterher. Intuitives und logisch-abstraktes Denken
funktionieren nämlich nicht zeitgleich.
Eine Tierlehrerin, die ich leider
nicht persönlich kenne, hat in einem Interview ganz öffentlich
über ihre Geheimnisse gesprochen . Es ist Gabi
Federer, die Leiterin des Walter-Zoos in der Schweiz. Sie hat
Hauskatzen dressiert und tritt mit ihnen auf der Bühne und in
ihrem Katzencircus auf. Sie sagt:
Katzen sind sehr intuitiv.
Sie wissen genau, was ich will. Andererseits spüre ich, was sie
gerade machen, auch wenn ich sie nicht im Blick habe. Mit der
Leitkatze arbeite ich auf gedanklicher Ebene.
Intuitives Erfassen in
welcher Ausprägung auch immer setzt beim Menschen einen
Zustand der Leere im Kopf voraus, ein Loslassen des
abstrakten Denkens und inneren Redens.
In dem oben genannten Buch
Wie wirklich ist die Wirklichkeit schreibt der
Psychologe und Kommunikationsforscher Paul Watzlawick: Es
dürfte aber kein Zweifel bestehen, dass ein gewisses Maß an
absichtlicher Unaufmerksamkeit unsere Sensibilität gerade für
die besonders kleinen, averbalen Kommunikationen erhöht, die in
zwischenmenschlichen Situationen oder solchen zwischen Mensch und
Tier von besonders ausschlaggebender Bedeutung sein
können.
Unaufmerksam scheint
mir im Zusammenhang mit Tiertraining kein besonders glückliches
Wort zu sein. Ich möchte also diesen Begriff durch einen anderen
ersetzen, der diese spezielle Form der absichtlichen
Unaufmerksamkeit umschreibt: entspannte Konzentration. Wir
Menschen sind in diesem Zustand, wenn wir meditieren, tagträumen
oder einer Tätigkeit nachgehen, in der wir vollkommen im Tun
aufgehen, dem sogenannten Flow.
Gabi Federer beschreibt den
Zustand, in dem sie sich während der Arbeit mit Tieren befindet:
Ich bin stets voll dabei und vergesse alles rund um mich
herum.
Wer mit Tieren arbeitet und als
Tiertrainer immer wieder Flow-Erfahrungen macht, wird
feststellen, dass auch Tiere Flow-Zustände kennen. Sie scheinen
dann völlig ins Tun zu versinken, in einen kreativen Rausch zu
geraten, einen Zustand, in dem es vorkommt, dass sie Belohnungen
einfach liegen lassen und weitermachen. Und oft treten
Flow-Zustände zugleich ein, beim Trainer und beim Tier. Dieses
sind Momente perfekter Resonanz.
Die intensive Verbindung zu Tieren
und die besondere Form der Kommunikation beruht also recht
offensichtlich auch auf einem ganz bestimmten Zustand, in dem
sich der Trainer befindet und einer ganz speziellen Form der
Wahrnehmung, die ich ganzheitlich-intuitiv nenne.
Wir wissen, dass der Schlüssel zu
guter Kommunikation und intensiver Beziehung in der Anpassung an
den anderen, im Aufeinander-Einstellen und Eingehen, im
Einfühlen liegt. Die Kommunikation zwischen Menschen verläuft
perfekt, wenn es den Kommunikationspartnern gelingt, auf dieselbe
Weise zu denken und zu fühlen. Warum sollte dies zwischen Mensch
und Tier anders sein? Da Tiere nicht analytisch denken, das
intuitive Erfassen mit Hilfe der Spiegelnervenzellen aber für
sie überlebensnotwendig ist, befinden sie sich überwiegend in
einer ganzheitlich-intuitiven Wahrnehmungs- und
Kommunikationsbereitschaft.
Denken wie ein Tier bedeutet für mich daher, weitgehend in derselben Weise zu denken, wie das meine vierbeinigen Schüler tun. In der Arbeit mit Tieren alle Alltagsprobleme draußen zu lassen, jede Art von innerem Gerede abzustellen, auch den kleinsten Anflug von Selbstzweifeln oder Leistungsdruck einfach gehen zu lassen, ganz und gar in der Gegenwart und bei dem, was wir gemeinsam tun, zu sein und mich auf die ganzheitlich-intuitive Ebene einzuschwingen, ist für mich die Essenz des Tiertrainings. Es ist der Zustand, den wir mit Tieren teilen können und aus dem heraus die kleinen Wunder in der Zusammenarbeit zwischen Menschen und Tieren möglich werden.