UNSER TRAINING

 

·        NOCH EINE NEUE TRAININGSMETHODE?

·        WIE TIERE LERNEN

·        OPERANTES LERNEN

·        BEWEGUNGSLERNEN

·        LERNEN AM MODELL – VIEL MEHR ALS EINFACHES NACHAHMEN

·        KOGNITIVES LERNEN

·        MISCHFORMEN

·        HILFSREQUISITEN

·        GANZHEITLICH TRAINIEREN/DIE ROLLE DES MENSCHEN IM TIERTRAINING

 

NOCH EINE NEUE TRAININGSMETHODE?

Unsere Form des Trainings entstand aus der praktischen Arbeit mit unterschiedlichen Tierarten, aus der Zusammenarbeit mit exzellenten Tiertrainern und der Auseinandersetzung mit neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen.

Also noch eine neue Methode? Nein. Unsere ganz spezielle Art des Trainings will keine weitere Methode sein,  sondern ein offener Ansatz, der sich ständig weiterentwickeln kann und soll. Dabei werden durchaus bewährte Trainingstechniken (Clickertraining, Einsatz der Körpersprache usw.), manchmal in leicht veränderter oder erweiterter Form, genutzt. Der Blickwinkel  ist jedoch ein anderer als bei den meisten herkömmlichen Trainingsmethoden, deren wissenschaftliche Grundlagen in der Regel entweder die Ethologie (Tierverhaltensforschung) oder die Theorie des operanten Lernens (Lernen durch Versuch und Irrtum) nach Skinner sind. Wir betrachten den Menschen und das Tier als Teile eines Systems, die miteinander in Wechselwirkung stehen. Die theoretischen Grundlagen für die Vorgangsweisen liefern einige zum Teil noch sehr junge Wissenschaftszweige, die zwar oft nicht explizit über das Tier, aber doch viel an Tieren forschen, z. B. die modernen Neurowissenschaften, die Bindungs- und die Stressforschung.

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WIE TIERE LERNEN

Wenn Tiere lernen, passiert dasselbe, wie wenn wir Menschen lernen: Es werden im Gehirn neue Verknüpfungen zwischen Nervenzellen gebildet. Diesen Prozess nennt man Bahnung. Bei diesem Vorgang spielen bestimmte Botenstoffe, allen voran der Neurotransmitter Dopamin eine zentrale Rolle. Erfahrungen, die ein Mensch oder ein Tier unter Dopamineinwirkung macht, werden besonders gut gelernt. Ausschüttungen dieses Neurotransmitters versetzen sowohl Menschen als auch Tiere in einen Zustand von Motiviertheit. Schließlich stellen die Dopamin-Nervenzellen auch etwas wie ein inneres Belohnungssystem dar.

Darüber hinaus hat, sowohl beim Menschen als auch beim Tier,  jedes Gedächtnissystem, z. B. das Erlernen von Bewegungsabläufen, das Bewältigen von Unterscheidungsaufgaben usw., seinen eigenen Schaltkreis im Gehirn. Unterschiedliche Aufgaben verlangen also auch unterschiedliche Herangehensweisen. Ich unterscheide daher zwischen verschiedenen Arten des Lernens, die in reiner Form, sehr oft aber auch in Mischformen auftreten.

 

·         Lernen am Modell oder Nachahmungslernen meint zunächst nur das Lernen über Imitation (sehr ausgeprägt z. B. bei der Katze) und ist doch viel mehr: Es spielt eine wichtige Rolle für den Aufbau sozialer Beziehungen.

·         Bewegungslernen oder Kinästhetisches Lernen bedeutet Lernen durch Bewegungswahrnehmung. Diese Lernform kommt im fortgeschrittenen Tricktraining verstärkt zum Einsatz.

·         Kognitives Lernen = Lernen durch Denkprozesse tritt, zumindest in Ansätzen, auch bei Tieren auf. Das bedeutet, dass höhere Tiere imstande sind, Problemlösungen durch Nachdenken zu finden.

·         Operantes Lernen = Lernen durch Versuch und Irrtum ist die wahrscheinlich am häufigsten auftretende Lernform bei Tieren, zumindest jedenfalls die am besten untersuchte. Wir sind zwar nicht der Ansicht, dass das Tiertraining auf diese eine, einzige Form des Lernens beschränkt werden sollte, operantes Lernen folgt jedoch klaren, durchschaubaren Prinzipien und ist daher der ideale Einstieg in das Tricktraining.

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OPERANTES LERNEN

Der Trick mit dem Click

Delphin-Trainer arbeiten mit einer Pfeife. Warum sie das tun, liegt auf der Hand: Dressur funktioniert über Belohnung. Damit das Tier die Belohnung aber als Konsequenz eines bestimmten Verhaltens begreifen kann, muss die Belohnung zeitgleich oder Sekundenbruchteile danach erfolgen. Schon wenige Sekunden später wäre zu spät. Der Trainer muss also dem Delphin auf irgendeine Weise zurückmelden können, dass genau dieser Sprung toll war und dass es dafür einen Fisch gibt, auch wenn sich das Tier gerade in der Mitte des Beckens aufhält: Er pfeift. Der Trainer hat zuvor über einen sogenannten klassischen Konditionierungsprozess diesen Pfiff in Verbindung mit der Futterbelohnung gebracht, indem er mehrmals gepfiffen und dem Tier unmittelbar danach einen Fisch gegeben hat. Das Tier lernt schnell, dass es selbst darauf Einfluss nehmen kann, diesen inzwischen mit einem äußerst angenehmen Zustand (Erwartung der Futterbelohnung) verbundenen Pfiff auszulösen, indem es bestimmte Verhaltensmuster anbietet. Die Pfeife ist somit zu einem Brückensignal, einem „konditionierten Verstärker“ geworden.

Karen Pryor, eine amerikanische Delphin-Trainerin, hat dieses Prinzip als „Clickertraining“ auch für die Arbeit mit anderen Tieren populär gemacht. Clickertraining findet mittlerweile nicht nur in der Show, sondern in allen möglichen Bereichen des Tiertrainings, vom Beschäftigungsprogramm für Wohnungskatzen über Zootiertraining bis hin zur Ausbildung von Gebrauchshunden Anwendung und ist auch eine wesentliche Grundlage unseres Tricktrainings.

Statt einer Pfeife wird in der Arbeit mit Hunden und anderen Haustieren meist ein Knackfrosch, der „Clicker“, verwendet. Er erzeugt ein kurzes, prägnantes und unverwechselbares Geräusch. Der Clicker oder ein anderes akustisches Signal ermöglichen es uns, einem Tier punktgenau zurückzumelden: „Das ist es! Gut so!“ Wir haben nun den Vorteil, dass wir uns mit der Herausgabe der eigentlichen Belohnung ein klein wenig Zeit lassen können, z. B. um sie in Ruhe aus der Tasche zu holen.

Indem wir ein Brückensignal verwenden, machen wir uns eine weitere interessante Tatsache zunutze: Dopamin macht glücklich! Nicht umsonst wird es umgangssprachlich als „Glückshormon“ bezeichnet. Die stärksten Dopaminausschüttungen im Gehirn des Tieres erfolgen allerdings nicht dann, wenn es die Futterbelohnung erhält, sondern davor, wenn es die Rückmeldung „richtig“ bekommt und auf eine solche hoffen kann. Schon lange, ehe diese Zusammenhänge erforscht waren, haben erfahrene Tiertrainer diese Vorgänge intuitiv und aus der Beobachtung heraus genutzt: Fast immer geht der Futterbelohnung ein Lob voraus, z. B. „braaaav!“.

 

Verhalten einfangen

     

„Einfangen“ bedeutet im Tiertraining, etwas zu belohnen, was das Tier gerade von sich aus tut, um ein Kunststück daraus zu machen. Ein Beispiel für einen Trick, den man komplett einfangen kann ist das Compliment, die Verbeugung beim Hund. Fast jeder Hund zeigt diese Bewegung nach einem ausgiebigeren Schläfchen. Ich brauche nur ein paar Mal im richtigen Moment zu clicken und der Hund wird „das Compliment“ immer wieder anbieten.

        

     Nun genügt es, einige Male ein deutliches Zeichen, z. B. mit der Hand und  eventuell ein Kommando zu geben, wenn der Hund gerade im Begriff ist, die Bewegung auszuführen – und fertig ist der Trick.  

 

 

 

 

Mit Hilfe eines Brückensignals lassen sich auch Verhaltenssequenzen „einfangen“, die nur im Ansatz gezeigt werden.                          

                                                                                                                                                     

  So habe ich mit meinem Minischweinchen Piccolino sehr schnell Tricks  wie „Sitz“ oder „Compliment“ (in dem Fall zunächst das Knien auf  den Vorderfüßen, später die Verbeugung mit einem  eingeschlagenen und einem gestreckten Füßchen) erarbeitet.

 

 

 

 

                                                                                             

                                                                                    

Schweine sitzen in der Regel nicht und sie knien auch nicht auf den Vorderfüßen – oder? Doch! Sie tun das nur nicht für längere Zeit. Während sie sich vom Liegen zum Stehen aufrichten oder sich hinlegen, kommen beide Haltungen kurz vor. Diese kann ich nun wieder mit Click und Belohnung gezielt verstärken und ausbauen.

 

 

 

 

 

Besonders interessant war es für mich, mit dem Schweinchen das Apportieren zu üben. „Vergiss es!“, hörte ich von allen Seiten. „Schweine tragen nichts. Sie tragen keine Nahrung nach Hause wie Hunde, Katzen oder andere Tiere, Schweinemütter tragen ihre Jungen nicht. Das hat keinen Sinn!“ Es hatte Sinn! Der Kampf des noch sehr kleinen Piccolino mit einer recht großen Möhre war mir zu Hilfe gekommen. Da er mit dieser nicht zurechtkam, nahm er sie ins Maul, um sie zu mir zu transportieren, und ich konnte diesen seltenen Moment des Tragens einfangen. Dies war die Grundlage für unsere Apportierübungen. Inzwischen haben wir diese zu vielen netten Tricks ausgebaut.  

                  

               

Piccolino räumt seine Spielsachen auf  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

                                                                                                                                                                                      

     Als echter Seiltänzer benutzt Piccolino natürlich eine Balancierstange

 

 

 

 

 

 

 

Kreativitätstraining

Das „eigentliche Clickertraining“, das freie Formen von Übungen in ganz kleinen Schritten, hat einige Spielregeln, die nicht nur dem Trainer, sondern auch dem Tier vertraut sein müssen: Jeder Versuch in Richtung des gewünschten Verhaltens wird bestärkt, Fehlversuche werden ignoriert. Voraussetzung für diese Form der Arbeit ist es, dass das Tier von sich aus aktiv wird, d. h. bestimmte Bewegungen und Verhaltensmuster anbietet.

Für Trainings-Einsteiger, für alle Tiere, die bereits gelernt haben, ausschließlich zu reagieren, statt selbst etwas anzubieten, aber auch zur Auflockerung des Trainings „alter Hasen“ und zum Finden neuer Trickideen, bietet sich freies Krativitätstraining an.

Die einfachste Form ist das Kreativitätstraining mit mehreren Gegenständen. Ich lege dazu einige Dinge auf dem Boden aus, die sich natürlich für die jeweilige Tierart eignen müssen. Für die Hunde oder das Schweinchen sind das beispielsweise: Hundespielzeug, Stoffknoten, Dosen, Bälle, Kunststoffgefäße, Babyspielzeug. Das Tier soll mit jedem dieser Gegenstände „irgendetwas machen“. Anfangs nehme ich jeden Gegenstand, mit dem eine Aktivität gezeigt wurde, aus dem Spiel, so dass sich das Tier dem nächsten zuwenden wird. Sobald mein Tier verstanden hat, worum es geht, lasse ich alle Dinge auf dem Boden liegen und belohne gezielt Aktionen mit unterschiedlichen Gegenständen. Das Tier lernt dabei, dass nicht nur Aktivität an sich gefragt ist, sondern auch das Anbieten immer neuer Ideen.

Eine im Clickertraining bekannte und beliebte Form des Kreativitätstrainings ist die sogenannte 101-Dinge-Kiste. Zweck der Übung ist es, dass das Tier möglichst viele unterschiedliche Aktionen mit ein und demselben Gegenstand zeigt. Kisten oder Schachteln bieten sich für diese Übung an. Es muss jedoch keine Kiste sein. Geeignet sind alle Gegenstände, mit denen man Verschiedenes tun kann. Einen einfachen Reifen kann man z. B. mit der Nase oder der Pfote berühren, während er am Boden liegt, man kann mit den Vorderpfoten hineinsteigen, mit allen Vieren ... belohnt wird jeweils die neue Aktion.

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                        

Piccolino hat sich ausgedacht, den Reifen mit dem Rüssel anzuheben, zuerst auf  der einen, dann auf der anderen Seite. Dies haben wir als kleinen Trick  behalten. Ich sage: „Piccolino, heb den Reifen  auf!“ und er wird mir, angelehnt  an das  Schweinchen,  präsentiert. Sehr  praktisch – so brauche ich mich nicht zu  bücken.

 

 

 

 

Shaping – freies Formen von Übungen

Shaping ist operantes Lernen in Reinkultur, Lernen durch Versuch und Irrtum oder besser: Lernen durch Versuch und Erfolg, wobei schon die winzigsten Schritte in die gewünschte Richtung bestärkt werden.

Am einfachsten ist es, das freie Formen mit Hilfe eines Requisits zu erlernen. Schon die Tatsache, dass ich einen Gegenstand ins Spiel bringe, wird bei meinem vierbeinigen Schüler Neugier auslösen.

Ich möchte beispielsweise durch Shaping erreichen, dass das Tier ein Podest besteigt. Anders als beim freien Kreativitätstraining clicke ich in diesem Fall jedoch gezielt nur jene Aktionen, die auf das Ziel zuführen: den ersten Blick in Richtung Podest, die Annäherung, das Beschnüffeln, das Anstubsen mit der Pfote usw. Nach einigen Versuchen wird das Tier die Kiste ersteigen oder hochspringen. Damit ist das Ziel erreicht. Nach dem Click werfe ich das Belohnungsleckerchen so, dass das Tier das Podest verlassen muss. Nun zeigt sich, ob mein Schüler die Übung verstanden hat. Höchstwahrscheinlich wird er sofort wieder auf die Kiste springen, um eine weitere Belohnung einzuheimsen. Wenn nicht – auch kein Problem: In diesem Fall gehe ich einfach noch einmal ein paar Lernschritte zurück. Sobald der Sprung auf die Kiste klappt, kann ich ein Kommando einführen und die Zeitdauer, die das Tier auf der Kiste bleiben soll, schrittweise verlängern, indem ich den Click immer weiter hinauszögere.

 

Ein Brückensignal ermöglicht uns, mit den Tieren ohne Leine, Longe oder bei Huftieren ohne Zäumung zu arbeiten und ohne sie anzufassen. Das bedeutet, dass wir auf diese Weise auch mit Tieren trainieren können, die völlig verängstigt oder bissig sind. Mit etwas Geduld lässt sich so z. B. das Vertrauen berührungsscheuer Katzen gewinnen. Mit bissigen Minipigs, aggressiven Hunden oder schwierigen Zootieren kann man sogar anfangs über Zäune und Absperrungen hinweg arbeiten.

 

Über Shaping lassen sich auch Tricks erarbeiten, bei denen man durch andere Herangehensweisen keine Chancen hätte.

Ein bekannter Pferdetrick ist das Stehen mit überkreuzten Vorderbeinen. Von einem Schwein wurde diese Übung meines Wissens noch niemals gezeigt. Für Schweinchen Piccolino war es ein Leichtes, dies über freies Formen zu erlernen: Das Drehen um die Vorderfüße auf einem kleinen Podest kannte er bereits. Nun bot ich ihm eine kleine Platte aus Moosgummi an, auf die er die Vorderfüße stellte. Nachdem er sein gesamtes „Fußprogramm“ angetestet hatte (Füßchen heben in verschiedenen Varianten), begann er, sich um die Platte zu drehen und wurde sofort belohnt. Verließ ein Fuß während der Drehung die Platte, blieb die Belohnung aus. Nun konnte ich die Platte immer kleiner schneiden und Piccolino hob die Füße bald gar nicht mehr ab, um den Kontakt zu dieser nicht zu verlieren.

                                                                                                                                                        

Das Stehen mit überkreuzten Beinen ergab sich aus den Vorübungen mit der Kunststoffplatte automatisch. Nun musste ich nur noch die inzwischen sehr kleine Platte  abbauen und ich gab ihm ein Signal für die Übung, indem ich mich selbst mit überkreuzten Beinen hinstellte.

 

 

 

 

 

 

Der größte Vorteil des freien Formens ist, dass die Tiere regelrecht kreativ werden. Sie werden aus sich heraus immer neue Verhaltensweisen anbieten. Der Trainer braucht sie nur noch zu „kaufen“.                                                                                                                                                                                                                                                                   

                                                                                                                                                                                                                                                                          

Eigentlich wollte ich nur sehen, ob Piccolino versucht, den  Deckel der Kiste zu öffnen. Dass er dies tut und im selben Zug gleich  hineinspringt, war seine Überraschung für mich.

 

 

 

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BEWEGUNGSLERNEN

Bewegungslernen folgt eigenen Gesetzen

Nicht jeder Trick kann durch Versuch und Irrtum (operant) erlernt werden, zumindest nicht komplett. Die operante Methode, das Formen von Übungen in kleinen Schritten, eignet sich z. B. wenig für Kunststückchen, die mit Entspannung verbunden sind, für solche, die bestimmte körperliche Fähigkeiten voraussetzen, die erst erworben werden müssen, sowie Tricks, die eine ausdrückliche „Erlaubnis“ des Trainers brauchen. Es gibt sogar Bewegungsaufgaben, die man „kaputtclicken“ kann. Das sind alle Bewegungsaufgaben, bei denen die Bewegung in Momenten, in denen der Körper sie gerade erfasst, eine Zeit lang aufrecht erhalten werden muss und alle die, die einen gewissen Schwung brauchen.

 

Lernen über Berührungen – Tricks, die mit Entspannung verbunden sind

Mit zunehmender Trainingserfahrung wurde mir immer deutlicher, dass es Kunststückchen gibt, die sich mit Hilfe von Berührungen am schnellsten, stressfreisten und angenehmsten erlernen lassen.  

 

 

Ein Kunststück wie das „Totstellen" erfordert tiefe Entspannung.

 

 

 

 

Beim operanten Lernen mit dem Clicker sind die Tiere in einer gewissen Erwartungs-Spannung, so, als würden sie fragen: „Na, mache ich es richtig? Wann clickt es denn?“ Sie sind in einem Zustand hoher Konzentration und Aktivität. Dieser verträgt sich nicht sehr gut mit einer Aufgabe, bei der das Tier völlig ruhig und gelöst auf der Seite liegen soll. Viel einfacher wird die Sache, wenn ich es zart am Bauch kraule. Wieder kann ich beginnen, wenn sich das Tier von sich aus so hinlegt, eine Zeit lang zu kraulen und anschließend zu belohnen. Nach einigen Versuchen kann ich die Berührung allmählich abbauen.

Beim Minipig klappte übrigens nicht einmal das Abliegen (gerade liegen, wie das „Platz“ beim Hund) ohne Berührung. Die Übung ließ sich nicht einfangen und erst recht nicht shapen, sie ließ sich jedoch problemlos und angenehm „erkraulen“.

Liegende Haltungen können sich für ein Tier recht „ausgeliefert“ anfühlen. Bei Pferden gilt dieser Trick als einer der schwierigsten überhaupt und Minipigs scheinen diesbezüglich ebenfalls noch empfindlicher zu sein als Hunde. Das nötige Vertrauen gibt ein leichtes Kraulen im Nacken. Das Schweinchen genießt diese Berührung sehr und wird sich von sich aus hinlegen. Will ich erreichen, dass das Minipig gerade abliegt, muss ich darauf achten, ihm sein Belohnungs-Leckerchen zuzustecken, ehe es sich auf die Seite plumpsen lässt, um wohlig alle Viere von sich zu strecken und mich dazu zu kriegen, es auch noch am Bauch zu kraulen. Diese Berührung nutze ich dann für die Übung „Peng“ (Totstellen). Den Clicker verwende ich für solche „entspannten“ Tricks gar nicht mehr.

 

                                                                                                                                                   

Mit zartem Nackenkraulen und der anderen Hand, die ihn leicht  führt, lernt Klein-Picco ohne Probleme, wie Kommissar Rex auf dem Boden zu robben.

 

 

 

 

 

 

Die Arbeit über Berührungen zählt zum Bewegungslernen, weil durch die Berührung eine bestimmte Bewegung/Haltung hervorgerufen und dann belohnt wird. Voraussetzung für die erfolgreiche Arbeit über Berührung ist immer, dass das Tier diese als angenehm empfindet.

 

Hilfestellungen bei Tricks, die körperliche Geschicklichkeit erfordern

Kunststücke wie Balancieren, Fassrollen, bestimmte Sprünge, Skateboardfahren und ähnliches, beruhen in erster Linie auf kinästhetischen Lernprozessen, dem allmählichen, ganzheitlichen Erfassen von Bewegungsabläufen durch Körper und Nervensystem. Sie können daher nicht operant, also ausschließlich über Versuch und Irrtum, erarbeitet werden.

Ein Tier wird ebensowenig wie wir Menschen auch, auf die Idee kommen, Dinge auszuprobieren, die bestimmte körperliche Fähigkeiten voraussetzen, über die es noch nicht verfügt. Wollten wir etwa versuchen, über ein Drahtseil zu laufen, ehe wir uns das dafür notwendige Balanciervermögen angeeignet haben, wird der Versuch wahrscheinlich mit einem schmerzhaften „Irrtum“ enden: Wir stürzen ab.

Die Lernschritte sind beim Bewegungslernen nicht so klar voneinander abzugrenzen wie bei überwiegend operanten Lernprozessen – was natürlich nicht bedeutet, dass wir nicht auch hier langsam, sorgfältig und selbstverständlich zwangfrei vorgehen müssen.

Bei vielen Übungen, die eine besondere körperliche Schulung erfordern, sind anfängliche Hilfestellungen wichtig und notwendig. Ich werde oft gefragt, warum meine Tiere überhaupt Tricks lernen, für die sie die körperlichen Voraussetzungen von vorneherein mitbringen, sondern diese erst erarbeiten müssen.

Kunststückchen dieser Art sind nicht nur Show oder Spielerei. Genau wie bei Kindern auch, die Sport betreiben, tut Tieren körperliche Schulung gut, um fit und gesund zu bleiben. Vor allem aber machen gerade diese Tricks bei einfühlsamer Vorgangsweise unsere Tiere selbstsicher, beugen erhöhter Stressanfälligkeit vor und verhelfen zu mehr Ausgeglichenheit. Sport in der richtigen Form hält Körper und Seele gesund – und das gilt nicht nur für Menschen. Auch in der Natur werden Tiere vor viele Aufgaben gestellt, die die körperliche Geschicklichkeit ausbilden. Wieder gilt es, für nicht freilebende Tiere einen Ausgleich zu schaffen.

Bei der Auswahl von Tricks kommt es einzig und allein darauf an, ob ein Tier sich für das  betreffende Kunststück eignet und Freude daran zeigt. Um sicher zu gehen, dass Bewegungen physiologisch angemessen sind, baut die moderne Tierdressur immer auf solche Bewegungsmuster auf, die auch in der Natur oder im freien Spiel der betreffenden Art zu beobachten sind. Darüber hinaus müssen die individuellen Begabungen, das Alter und der Allgemeinzustand des trainierten Tieres berücksichtigt werden.

Wie bei uns Menschen, stellt sich der Spaß an sportlichen Aktivitäten durch Tun ein. Je besser unser Körper geschult ist, desto mehr Freude haben wir auch an Dingen, die ungeschulte Menschen vielleicht sogar Angst machen würden. Dies ist bei Tieren nicht anders.

                                                                                                                                                 

     Die tricktrainierte Deli erfand beispielsweise im freien Kreativitätstraining das „Ballkullern“, eine Art Kugellauf nur mit den Vorderpfoten, als ich nichts weiter tat, als ihr einen Ball anzubieten. Inzwischen „kullert“ sie bereits einen Slalom durch meine Beine, während ich langsam vorwärtsgehe. Mit etwas Sicherung meinerseits kullert sie den Ball auch über einen Schwebebalken.

 

   

 

 

 

Beispiele für Bewegungslernen:  

Vom Fassrollen und Ballkullern zum Kugellauf:

Voraussetzung für diesen Trick ist, dass das Tier bereits gut gymnastiziert ist. Es sollte auch wacklige Untergründe bereits kennen. Sehr gute Vorübungen sind z. B. das Laufen über eine Wippe oder das Fassrollen, wobei ein große Rolle mit den rückwärtstretenden Vorderbeinen vorwärtsgetrieben wird. Die Hinterbeine bleiben am Boden und bewegen sich vorwärts.

 

    

  Ein eigenständigerTrick und zugleich eine gute Vorübung für den Kugellauf: Deli und Sunny zeigen ihre Variante des Fassrollens –  Deli treibt die Rolle vorwärts, während Sunny immer hin und her  durchkriecht.

 

 

 

 

 

 

Ebenso eignet sich das „Ballkullern“, bei dem auch seitliche Ausgleichsbewegungen trainiert werden.  

                                                                                                                                                                            

      Ballkullern bereitet den Kugellauf ebenfalls gut vor – hier eine Variante mit „Polonaise“

 

 

 

 

 

 

Je größer der Ball ist, auf dem das Tier balanciert, desto leichter ist die Balance zu erlernen. Ich verwende z. B. für meine kleinen Hunde einen extragroßen Gymnastikball.

Von einem Podest aus erarbeite ich zunächst Schritt für Schritt das Stehen mit allen Vieren auf dem Ball, den ich gut festhalte, sowie das Abspringen. Dies ist besonders wichtig, denn das Tier sollte sich niemals dem Requisit ausgeliefert fühlen, sondern wissen, dass es jederzeit abspringen kann, wenn es möchte.

Obwohl man denken könnte, das Rückwärtslaufen auf einer Kugel sei einfacher, weil dabei der Kugelläufer dabei ja nach vorne tritt, zeigt die Praxis, dass dem nicht so ist. Die rückwärtsrollende Kugel ist schwer zu kontrollieren und nimmt dem menschlichen oder tierischen Kugelläufer die Möglichkeit, zu sehen, wohin er rollt. Es gilt also zu bedenken, dass nicht nur die Ausgleichsbewegungen trainiert werden müssen, die es ermöglichen, die Balance zu halten, sondern auch das Rückwärtstreten – damit sich die Kugel nach vorne bewegt.

                                                                                                                                             

 

Sobald das Tier den Ball immer wieder von sich aus selbstverständlich erklimmt, beginne ich, diesen ganz leicht nach vorne zu bewegen, indem ich meine Hand zwischen Vorder- und Hinterbeine meines Schülers lege. Mit der  anderen Hand, die ich vor die Brust (vor die Brust, nicht an die Brust!) des Tieres halte, sichere ich den angehenden Balance-Künstler ohne ihn zu  berühren. Das Tier darf niemals auf der Kugel festgehalten werden. Jeder  Ansatz von Rückwärtstreten wird sofort belohnt. Nach einiger Übung kann ich  die Hand von der Brust wegbewegen und sie dem Tier als Fixpunkt anbieten. Fixpunkte, die mit den Augen festgehalten werden, erleichtern Balancen für  Mensch und Tier ungemein.

   

 

Die andere Hand bleibt anfangs auf dem Ball, später knapp über dem Ball und das so lange, bis das Tier die Kugel absolut sicher ausbalanciert. In diesem Stadium scheint sich die Bewegung zu „verselbständigen“. Der ganze Körper, das gesamte Nervensystem beginnen zu erfassen, was zu tun ist, um in Balance zu bleiben. In diesem Moment wäre es ein Fehler, die Bewegung zu schnell durch eine Belohnung zu unterbrechen. Hier lasse ich das Tier „in die Bewegung hineinspüren“, unterstütze durch Lob und belohne am Ende mit einem Jackpot.

     

 

Könner folgen der führenden Hand auch um Kurven und in Wendungen.

  

 

 

 

    

Auch Piccolino hat sich bis zum Alter von etwa einem Jahr als begeisterter Kugelläufer betätigt. Danach wurde er zu schwer für die Gymastikbälle, die ich verwende, da richtige Laufkugeln zu glatt sind. Bei ihm habe ich den Ball allerdings immer etwas gebremst (mit meinen Beinen), um das Tempo den langsameren Bewegungen des Schweinchens anzupassen.

 

 

 

 

Meine Hunde sind übrigens so wild auf die Laufkugel, dass es bereits einen „Unfall in der Luft“ gab. In der irrigen Meinung, es würde genügen, den großen Ball an Sunnys Podest heranzurollen, um zu signalisieren, dass Sunny an der Reihe war, hatte ich Deli nicht ausdrücklich bedeutet, dass sie auf ihrem Platz warten sollte. Während Sunny auf die Kugel sprang, segelte zugleich Deli in einem Riesensatz durch die Luft. Nach einem kräftigen Zusammenstoß landeten beide auf der Kugel. Zum Glück ist nichts passiert und ich bin seit diesem Erlebnis wesentlich genauer in der Zeichengebung zum Kugellauf.

 

Balancieren über eine schmale Leiste

Hier besteht die Hilfe nur in dem allmählichen Vergrößern der Strecke, die das Tier zurücklegt. Mit Hunden mache ich selbstverständlich auch viele Vorübungen auf einem breiteren Balancierbalken.

Nun lege ich die schmale Leiste so zwischen zwei Podeste, dass der Hund, wenn er möchte, auch noch von dem einen zum anderen springen kann.

Ganz allmählich wird der Abstand größer.

                                                                       

In diesem Stadium fühlt sich der Hund am wohlsten, wenn er über die  Leiste rennt.

 

 

 

 

 

 

Nun ist die Übung schon bekannt, die Fähigkeit, das Gleichgewicht zu halten, geschult und das Requisit als ungefährlich erkannt.

 

   

      Ab einer gewissen Länge der Strecke muss das Tempo gedrosselt werden. Der Hund lernt, über die Leiste zu gehen.

 

 

 

      

 

                                                                                                                                                                                       

     Die Waschbären Monty und Paul benötigten natürlich keine Vorübungen auf breiten Brettern.  Interessant war es für mich, festzustellen, dass auch sie das Balancieren erlernen  mussten, obwohl sie dabei sehr schnell waren.

 

 

 

 

 

 

 

Dass die Bärchen diese Fähigkeit nicht von vorneherein mitbrachten, könnte an der Neigung der Waschbären liegen, sich an dünnen Ästen oder ähnlichem hängend entlang zu hangeln.

Inzwischen sind die beiden Meister der Balance und sie üben sich mit enormem Spaß auch an diversen Klettergeräten in ihrem Gehege in dieser Kunst.

 

Skateboardfahren

Der Trick an dem Trick ist es, die beiden Teile des Bewegungsablaufs getrennt zu trainieren: Das Aufspringen und Rollen mit dem Skateboard betrachte ich zunächst als eigene Übung. Dasselbe gilt für das Anschieben. Erst nachdem für beide Übungsteile Kommandos eingeführt wurden, setze ich sie zusammen.  

 

       Piccolino im Alter von einem Jahr – skaten am Hof  

 

 

 

 

 

Bei normalen Skateboards, wie Picco es hier noch fährt (heute benutzt er ein selbstgebautes größeres Modell), ist ein kleiner Umbau erforderlich, ehe man mit dem Trick beginnt. Die Räder sollten abgeschraubt und dann jeweils weiter außen (die vorderen ein Stück weiter vorne, die hinteren etwas weiter hinten) angebracht werden, so dass das Board nicht kippt, wenn das Tier die Füße auf den gebogenen Brettenden aufstellt.  

                                                                                                                                                                                       

     Sehr hübsch ist auch der Bewegungsablauf auf einem Griffskateboard.  Sunny  schiebt dieses Board nicht von der Seite, sondern von hinten an und erhebt sich  beim Aufspringen sofort auf die Hinterbeine, um mit den Vorderpfoten an den  Griff zu gelangen. Hier eine Variante für zwei Hunde: Sunny stellt sich auf das  Board, Deli schiebt unter ihr, wie sie das auch mit einem einfachen Skateboard tun würde, und springt zusätzlich auf.

 

 

 

 

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LERNEN AM MODELL – VIEL MEHR ALS EINFACHES NACHAHMEN

 

Wenn ich meine Waschbären Monty und Paul rufe, beeilen sie sich immer sehr, zu mir zu kommen. Befinden sie sich gerade im Außengehege auf dem integrierten lebenden Baum, klettern sie aber nicht, wie man erwarten würde, schnell von diesem herunter, sondern sie nehmen trotz der offensichtlichen Eile einen großen Umweg über die Dachbalken und das Gehegegitter. Es gibt eine sehr einfache Erklärung, warum sie das tun: Waschbären lernen von ihrer Mutter, wie man von einem Baum herunterklettert, nämlich rückwärts und nicht mit dem Kopf nach unten. Macht die Mutter es ihnen nicht vor, lernen sie es gar nicht. Ich gebe zu, in dieser Beziehung als Waschbären-Ersatzmama total versagt zu haben. Ich habe ihnen das Baumklettern nicht vorgemacht, sie konnten es nicht in der Weise lernen, wie es natürlich gewesen wäre – durch Nachahmen. Dennoch lese ich in einem noch recht neuen Buch, „Der Waschbär“ (Hohmann/Bartussek, Oertel und Spörer Verlag 2001), das eine sehr umfangreiche Studie über Waschbären dokumentiert: „Die Jungen lernen nicht durch Nachahmung, sondern durch Versuch und Irrtum.“ In dieser Ausschließlichkeit ist das in keinem Fall richtig.

Ich vermute, dass die Fähigkeit zum Lernen durch Beobachtung und Imitation bei Tieren insgesamt noch stark unterschätzt wird – wahrscheinlich schon deshalb, weil sich die Verhaltensforscher, jahrzehntelang überwiegend auf das Lernen durch Versuch und Irrtum konzentriert haben.

Dasselbe Phänomen wie bei meinen Waschbären lässt sich übrigens auch bei Katzen beobachten: Bauernhof-Katzen, die von der Mutter draußen aufgezogen werden, haben in der Regel keine Schwierigkeiten mit dem Herabklettern von Bäumen, während in der Stube aufgewachsene Katzenkinder, die diesbezüglich keine Möglichkeit, durch Nachahmen zu lernen hatten, später gelegentlich aus irgendwelchen Höhen, die sie unvorsichtigerweise erkommen haben, gerettet werden müssen.

Katzenhalter, die mit mehreren Katzen zugleich trainieren, erzählen immer wieder, dass eine Katze Tricks regelrecht von der anderen abguckt. Katzen stehen in dem Ruf, gute Nachahmungslerner zu sein. Dasselbe scheint für Delphine und Elefanten zu gelten. Bei Hunden und Pferden ist das Lernen durch Nachahmen nicht so stark ausgeprägt. Dennoch dürfte das Nachahmungslernen bei allen Tierarten eine weitaus größere Rolle spielen, als bislang angenommen wird.

In jüngster Zeit haben Gehirnforscher in einer Studie, zunächst an Affen, eine hochinteressante Entdeckung gemacht, die sogenannten Spiegelnervenzellen: Jene Nervenzellen im Gehirn, die für die Planung von bestimmten Handlungen oder die Vorstellung von Gefühlen zuständig sind, werden auch dann aktiv, wenn diese Handlung bei einem anderen Lebewesen nur beobachtet wird. Unter anderem bedeutet das, dass dem Lernen durch Beobachten und Nachahmen eine überragende Bedeutung zukommt.

Dabei ist diese Art zu lernen viel mehr als reines Imitieren: Die Spiegelzellen, die beim Nachahmungslernen aktiv sind, sind auch für den Prozess des Einfühlens und intuitives Erfassen der Gefühle anderer verantwortlich. Das Maß der Aktivität unserer Spiegelzellen bestimmt über unsere soziale Kompetenz. Diese neuen Erkenntnisse könnten weitreichende Folgen für die Pädagogik und Therapie beim Menschen haben. Für die weitere Erforschung des Lernens bei Tieren könnten sie ein Anstoß sein, dem Lernen am Modell mehr Aufmerksamkeit zu widmen.

Insgesamt zeigt die Entschlüsselung des Geheimnisses der Spiegelnervenzellen, wie stark die Fähigkeit zu lernen und die Beziehung zwischen Lehrendem und Schüler – sei es Tiermutter und Junges oder auch Tiertrainer und Tier – miteinander verbunden sind.

Wie so oft haben hochbegabte Tiertrainer auch das  Wissen um die Bedeutung des Lernens am Modell intuitiv genutzt, noch ehe es überhaupt allgemein bekannt war.

Ein nicht nur spannendes sondern auch rührendes Beispiel hierfür war die Ausbildung des Elefantenkindes Sandry im Schweizer Nationalcircus Knie. Genaugenommen wurde Sandry nicht im Circus ausgebildet, sondern im dazugehörigen Zoo in Rappersvil. Der Tierlehrer arbeitete ausschließlich mit Mama Claudia. Klein-Sandry war von Anfang an immer dabei und machte bald mit Feuereifer alle Tricks und Übungen nach.

Eine besonders gute Nachahmungslernerin, zumindest für Hunde-Verhältnisse, ist unsere Sunny. Beim gemeinsamen Training mit Deli „hängt sie auf ihrem Podest ab“, wenn sie gerade nicht an der Reihe ist, dass man meinen könnte, sie sei mit ihren Gedanken im Wolkenkuckucksheim. Aber immer wieder kommt es vor, dass sie anschließend genau den Trick, an dem ich mit Deli gearbeitet habe, ganz stolz selber vorführt, obwohl sie ihn noch nie probiert hat. Dass ausgerechnet Sunny diese Vorliebe für das Nachahmungslernen zeigt, ist bestimmt kein Zufall. Natürlich haben wir (Zwei- und Vierbeiner) von der Natur die Fähigkeit zum Nachahmungslernen mitbekommen, damit wir uns vor allem an unseren Eltern orientieren können. Als Sunny als kleiner Welpe zu uns kam, war Deli etwa zweieinhalb Jahre alt. Sie begann sofort, mir bei der Erziehung des kleinen Rackers tatkräftig zu helfen. Deli hatte bei Sunny ein Stück weit die Mutterrolle übernommen und damit wurde sie wohl auch zum Vorbild für Lernaufgaben.

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KOGNITIVES LERNEN

Wenn schon das Nachahmungslernen von Tieren ein Stiefkind der Tiertrainingsliteratur ist, wird eine „Problemlösung durch Denkprozesse“ bei Tieren oft gar nicht erst in Erwägung gezogen. Zu Unrecht!  

                                                                                                                                                        

Als ich beispielweise einmal Schweinchen Piccolino das Wägelchen, mit  dem er einige Tricks zeigt, verkehrt herum anbot, betrachtete er es kurz und eingehend und stellte es dann sofort gezielt auf die Räder.

 

 

 

 

 

Hier war kein Ansatz von Probieren festzustellen: Das Schweinchen hat den umgedrehten Wagen eindeutig als sein Wägelchen erkannt, das aber „falsch“ stand. Dies ist ein rein kognitiver Prozess. Und ich könnte schwören, Picco hat mit dem leicht verärgerten „Hm!“, das er dabei von sich gab, gemeint: „Da kann doch kein Schwein arbeiten, wenn die Requisiten verkehrt herum stehen!“

        

                                                                                                                                          

 

 Gegenprobe mit Hunden: Auch die Hunde kennen und benutzen den Lauflernwagen. Sie reagieren in derselben Situation mit Herumprobieren, das  heißt sie versuchen, das  Problem operant zu lösen. Sunny greift hier auf ein  Bewegungsmuster zurück, das  sie schon kennt, das „Auf“ mit den Vorderfüßen.

 

 

 

 

Dass Piccolino umgedrehte Requisiten erkennt, zeigt ein weiterer Versuch.

                                                                                                                                                                                    

Das Schweinchen soll Spielsachen aufräumen. Aber plötzlich biete ich das Körbchen verkehrt herum an. Piccolino sieht, dass der Korb mit dem Boden nach oben steht, legt das Spielzeug ab, dreht das Körbchen mit dem Rüssel um und beginnt anschließend einzuräumen.

     

 

 

 

 

Natürlich kennt das Minipig den Trick inzwischen. Allerdings gab es auch beim allerersten Versuch keine Ansätze von Probieren. Der Korb wurde sofort gezielt aufgestellt und Piccolino begann unmittelbar darauf mit dem Einräumen der Spielsachen.  

                                                                                                                                                                                       

 

Eine weitere Übung, die besonders viel Denkarbeit beinhaltet, ist das  Auffädeln von Ringen auf einen „Ringeturm“ – und zwar der Größe nach  geordnet. Die Ringe werden dabei in immer anderen Anordnungen auf  dem Boden ausgelegt.

 

 

 

 

Zwar hat das Minipig diesen Trick durch Übung erlernt und dabei Stadien von Versuch und Irrtum durchlaufen, das heißt, operantes Lernen spielt eine Rolle. Aber eine Reihenfolge ist ein abstraktes Prinzip. Ohne eine gewisse Einsicht in dieses würde das Lernen hier wohl eindeutig auf eine Grenze stoßen.

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MISCHFORMEN

Die Unterscheidung, die ich bezüglich der unterschiedlichen Lernformen getroffen habe, ist ein wenig künstlich. Sie erhebt nicht den Anspruch auf Vollständigkeit und besagt nicht, dass diese Lernformen streng voneinander getrennt werden können. Sie soll nichts weiter sein als ein Modell, das erklärt, weshalb wir als Tiertrainer gut daran tun, in unterschiedlichen Trainingssituationen verschiedene Trainingstechniken zur Verfügung zu haben.

Im Trainigsalltag haben wir meistens mit Mischformen des Lernens zu tun. So hat operantes Lernen kognitive Anteile und umgekehrt. Bewegungslernen ist oft in der Anfangsphase operant. Vor allem aber sind höchstwahrscheinlich die beim Nachahmungslernen hochaktiven Spiegelzellen immer aktiv, unabhängig davon, wie und was das Tier gerade lernt (es sei denn, man überlässt es, in einer Skinnerbox z. B., in der Belohnung und Bestrafung durch die Apparatur selbst erfolgt, vollkommen sich selbst). Das bedeutet, dass der Intensität der Beziehung zwischen dem Trainer und seinem Tier eine überragende Rolle zukommt.

 

Das Tennisspielen hat Piccolino operant gelernt. Allerdings  erkennt er es   auch, wenn der Ball in einer ungünstigen Position liegt. In diesem Fall legt er den Schläger ab, platziert den Ball vor dem Schläger, den er daraufhin wieder aufnimmt, um weiterzuspielen. Oder aber er legt den Ball direkt auf die Schlagfläche. Diese Formen der Problemlösung gehen wieder weit über operantes Lernen hinaus und wurden auch spontan, ohne jeden Ansatz von Probieren gezeigt.

 

 

 

 

         

Das waagrechte Einschieben eines Balles in das Lernspielzeug ist eine schwierige  Aufgabe, an der Piccolino längere Zeit geübt hat. Inzwischen meistert er die Aufgabe ohne Schwierigkeiten und folgt auch korrekt meinen (nur gesprochenen!)  Anweisungen, welches Loch er benutzen soll, das erste, das zweite oder das  dritte. Wieder gibt es hier eine Basis von Lernen durch Versuch und Irrtum. Beim  Unterscheiden der Löcher aber konnte man deutlich merken, wie aktiv die  Spiegelzellen waren: Hier orientierte er sich ganz stark an meiner Reaktion.

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HILFSREQUISITEN

Bestimmte Requisiten haben im Tiertraining nur den Zweck, das Erarbeiten von Tricks zu erleichtern. Sie werden später wieder abgebaut.

 

Das Target

Ein Tier mit einem Leckerbissen zu locken, ist nichts Verwerfliches. Möchte ich z. B. einen Hund dazu bringen, durch meine Beine Slalom zu laufen, kann ich das erreichen, indem ich ihn mit einem Leckerchen dorthin locke, wo ich ihn haben möchte. Der Nachteil dieser Vorgangsweise ist, dass manche Tiere so auf den Leckerbissen fixiert sind, dass sie unaufmerksam werden. Oft ist es dann schwierig, das Lock-Leckerchen wegzulassen. Sobald ich nichts mehr in der Hand habe, macht das Tier keine Anstalten mehr, den Trick auszuführen.

Hier bietet sich das sogenannte Target an, das ich im Clickertraining kennen gelernt habe. Target bedeutet „Ziel“. Ich bringe dem Tier zunächst bei, einen Gegenstand (Fliegenklatsche, Kochlöffel oder einfach meine Hand) mit der Nase zu berühren.

 

 

Bald wird das Tier dem Target folgen und ich kann es so ohne Leine (oder Leckerchen vor der Nase) führen.

 

 

 

 

 

 

 

 

Mit einem über den Kopf des Tieres gehaltenen Target lassen sich mit dafür begabten Vierbeinern das Hochsitzen und das Tanzen auf den Hinterfüßen recht gefahrlos trainieren.  

 

                                                                                                                                                                                              

Das Tier wird am Target anfangs die Position nur kurz halten und die Zeit mit zunehmender  Stärkung der Rückenmuskulatur von selbst steigern, bis es schließlich  entspannt im  Gleichgewicht sitzt.

 

 

 

 

 

 

 

Das Target lässt sich in verschiedener Weise abbauen. Einen Stab kann ich schrittweise im Ärmel verschwinden lassen oder bei einer Fliegenklatsche etwa, auch die zu berührende Fläche immer kleiner schneiden. Wenn ich meine Hand als Target verwende, vergrößere ich schrittweise den Abstand zum Tier, bis schließlich eine angedeutete Handbewegung genügt.

 

Manche Trainer halten die Arbeit mit einem Target für eine elegantere Form des Lockens. Dies sehe ich allerdings nicht so. Es gibt Tiere, die in bestimmten Situationen ein wenig Führung brauchen, um sich sicher zu fühlen. Beim Führen durch ein Target bleibt die Belohnung eine Belohnung, die man „nach getaner Arbeit“ erhält. Beim Locken hingegen ist das Leckerchen keine Belohnung, sondern ein Köder.

 

Eine interessante Variante ist das Pfoten- oder Fußtarget. Ich verwende dazu meist einen Plastikdeckel oder ähnliches, der mit der Pfote oder dem Fuß berührt werden sollen. Auch hier gelangen wieder Tricks mit Minipig Piccolino, die ich zunächst nicht für möglich gehalten hätte. Ein Schwein setzt seine Füße nicht gezielt ein. Es „pfötelt“ nicht wie Hund oder Katze. Dennoch hat Piccolino „Pfötchen geben“, „Lift“ (Fuß hoch) und Ansätze des „Spanischen Tritts“ gelernt.

 

 

Das Minipig spielt ein Babykeyboard oder auch eine kleine Basstrommel für Kinder nicht in schweinetypischer Art mit dem Rüssel, sondern mit dem Fuß.

 

 

 

 

 

 

Grundlage all dieser Tricks war das zunächst zufällige Betreten der Plastikscheibe, das ich sofort bestärkt habe. Piccolino schien sich bald an dem kleinen „Klack“ zu orientieren, das der Huf auf dem Deckel hervorruft. Damit wurde das Füßchen gezielt eingesetzt und alles andere war nur noch die logische Fortsetzung dieser Arbeit mit dem Hilfsrequisit.

 

Hilfsrequisiten für Tricks, die eine ausdrückliche Erlaubnis des Trainers erfordern

Nicht bei allen Tieren ist es so – aber viele, manche Hunde z. B., finden es unhöflich, über ausgestreckte Arme oder Beine oder gar auf den Arm oder den Rücken ihres Menschen zu springen. Mit Hilfsrequisiten wie Targets oder Reifen, kann ich dem Hund zeigen, dass der Sprung nicht nur erlaubt, sondern sogar erwünscht ist.  

                                                                                                                                                                                           

Beim Sprung über mein ausgestrecktes Bein z. B. kann ich einen Reifen  verwenden, den der Hund schon als Requisit, das durchsprungen werden soll, kennt.

 

 

 

 

 

Nach einigen gelungenen Versuchen ist es kein Problem mehr, den Reifen wegzulassen. Der Hund hat nun die Erlaubnis zu diesem Sprung. Er hat verstanden, dass das vor ihm ausgestreckte Bein nicht bedeutet „Halt! Geh nicht weiter!“, sondern „Spring“, und nun macht die zuvor mit einem Tabu belegte Übung richtig Spaß!

Für den Sprung auf den Rücken kann ich eine Decke als Target verwenden. Ich belohne den Hund zunächst dafür, dass er auf die Decke geht, egal wohin ich sie lege: auf verschiedene Plätze auf dem Boden, auf ein Podest usw. Nun lege ich mich flach auf den Bauch mit der Decke am Rücken. Sobald der Hund mit allen Vieren auf meinem Rücken steht, kann ich die Decke weglassen. Der nächste Schritt ist, dass ich mich mit aufgestützten Händen hinkniee und den Hund aufspringen lasse. Danach hocke ich.

   

 

Auch mein kleiner Cairnie hat einen perfekten Rückensprung gelernt. Und es macht Sunny besonderen Spaß, mir in luftiger Höhe den Hut zu klauen.

 

 

 

 

 

 

Kisten/Podeste – Stationieren von Tieren im Training/der „Platz“

Ein fester Platz, zu dem das Tier nach Beendigung eines Tricks zurückkehrt, ist natürlich besonders dann wichtig, wenn man mit mehreren Tieren zugleich arbeitet. Allerdings ist es auch im Training mit einem einzelnen Tier sehr hilfreich, so einen Platz zu haben. Das Tier kann z. B. bei allen Tricks, bei denen es sich nicht vorwärts bewegen soll, auf diesem stationiert werden und auf seinem Platz warten, während Requisiten umgebaut werden.

Im Circus nennt man den festen Platz „Heim dritter Ordnung“ (das Heim erster Ordnung ist der Stall und der Auslauf, das Heim zweiter Ordnung die Manege). Er kann und sollte ein Wohlfühlort für das Tier werden, ein „Zuhause“, wo es gerne und selbstverständlich warten wird, wenn ein anderes Tier an der Reihe ist.

„Der Platz“ sollte immer ein Podest, ein Hocker oder eine Kiste sein. Teppiche, Decken u. ä. sind nicht so günstig. Sie sind sie nicht so markant wie ein Podest. Außerdem fühlen sich Tiere auf erhöhten Plätzen wohl, weil ihnen diese mehr Übersicht gewähren. Dies vermittelt ein Gefühl von Sicherheit.

Podeste können aber auch eine wichtige Funktion als Hilfsrequisit haben, wenn es um Tricks für zwei Tiere geht, wie z. B. das Übereinanderhinwegspringen. Manche Tiere haben überhaupt kein Problem damit, über einen Artgenossen zu springen oder übersprungen zu werden, für andere wieder sind solche Übungen zunächst ein wenig unheimlich. Hier helfen Podeste sehr, die anfängliche Scheu zu überwinden. Das Tier, das übersprungen werden soll, lernt als erstes, zwischen zwei Podesten stehen zu bleiben. Eventuell kann man zusätzlich ein Fußtarget verwenden, um es sicher zu stationieren. Nun wird ein Reifen über das Tier gehalten. Der Springer sollte bereits den Sprung durch einen Reifen von Podest zu Podest kennen. Bald wird der Springer problemlos über seinen entspannt zwischen den Podesten stehenden Kollegen hinwegsetzen. Beide Tiere werden zugleich belohnt. Als erstes wird beim Übersprung der Reifen weggelassen. Danach kann man Schritt für Schritt immer niedrigere Podeste verwenden, bis die Tiere ohne Hilfsmittel mit viel Spaß einander auch vom Boden aus überspringen. Bei gemischten Gruppen ist geduldiges, vorsichtiges Vorgehen besonders wichtig. Wenn meine Hunde beispielsweise das Schweinchen überspringen, verwende ich zwar keinen Reifen mehr, aber sicherheitshalber immer Podeste. Der Lohn der Mühe ist nicht nur ein hübscher, neuer Trick, der sich zu zahlreichen Varianten weiterentwickeln lässt, sondern diese Arbeit fördert auch das Vertrauen der Tiere untereinander.

 

 

Auch bei solchen Tricks hilft das Podest: Piccolino und ich drehen ein Sprungseil für Springerin Deli. Wäre das Schweinchen nicht stationiert, würde es während der Übung versuchen, näher an mich heranzukommen.

 

 

 

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GANZHEITLICH TRAINIEREN/DIE ROLLE DES MENSCHEN IM TIERTRAINING  

Die Entwicklung des ganzheitlichen Trainings

Es gibt Unmengen von Trainingsbüchern, vor allem zum Thema Hunde- und Pferdetraining. Natürlich habe auch ich viele davon gelesen, als ich mit dem Tiertraining begann. Wie wohl jeder Anfänger war ich dankbar für klare Anleitungen, suchte nach Methoden und war verwirrt: Die meisten Autoren von Trainingsbüchern berufen sich auf wissenschaftliche Grundlagen für ihr Trainingssystem, die Verhaltensforschung (Ethologie) oder auch bestimmte lerntheoretische Modelle. Wie kann es also sein, dass die Vorgangsweisen so unterschiedlich sind?

Verhaltenswissenschaften sind exakte, beobachtende und experimentierende Wissenschaften. Durch kontrollierte Versuchsbedingungen und exakt dokumentierte Beobachtung kann die Illusion einer vollkommenen Objektivität entstehen – wenn auch nicht immer bei den Forschern selbst, so doch oft bei den Anwendern und Nutzern der Erkenntnisse. So wird leicht vergessen, dass jede Beobachtung interpretiert werden muss. Und Interpretation ist niemals objektiv.

Oft gibt es auch Störvariable und Fehler in den Versuchsbedingungen oder den Gegebenheiten, unter denen Beobachtungen gemacht werden.

Ein gutes Beispiel hierfür ist die Dominanztheorie, die in der Hundeausbildung und Erziehung so starke Beachtung fand – und leider immer noch findet – dass ganze Trainingssysteme auf ihr aufgebaut wurden, bzw. werden. Sie besagt, dass es im Wolfsrudel (ethologisches Vorbild für den Umgang mit Hunden) immer um Rang und Vormachtsstellung ginge. Jeder im Rudel strebe ständig danach, nach oben zu kommen und das Alphapaar müsse daher dauernd seine Vormachtstellung demonstrieren.

Ein vollkommen anderes Bild ergeben die Forschungen von David Mech. Er kommt zu dem Schluss, dass das typische Wolfsrudel eine Familie ist, in der die erwachsenen Elterntiere die Aktivitäten der Gruppe über ein System der Arbeitsteilung anführen.

Worin bestand der Unterschied zwischen früheren Untersuchungen und dieser? Die meisten Forscher, die aufgrund ihrer Beobachtungen zu dem Dominanzmodell gekommen waren, hatten an Gehege-Wolfsrudeln geforscht, während es Mech gelang, in Kanada wirklich freilebende Rudel unter absolut natürlichen Bedingungen zu beobachten.

 

Ein weiterer Grund für die oft drastischen Diskrepanzen innerhalb der verschiedenen Theorien und der aus ihnen abgeleiteten Trainingssysteme, scheint mir die Idee zu sein, der Beobachter könne verhindern, irgendeinen Einfluss auf den Beobachteten (hier: das Tier) oder das Experiment zu haben. Schon Albert Einstein wusste:

„Es ist durchaus falsch, zu versuchen, eine Theorie auf beobachtbaren Größen aufzubauen. In Wirklichkeit tritt gerade das Gegenteil ein. Die Theorie bestimmt, was wir beobachten können.“

Ein Beispiel für eine Theorie, die über lange Zeit hinweg das bestimmte, was Menschen im Hinblick auf Tiere beobachten konnten, war die Sichtweise des französischen Naturforschers René Descartes, der ausschließlich dem Menschen eine empfindungsfähige Seele zusprach, während Tiere seiner Ansicht nach letztlich rein instinktgesteuerte Lebewesen waren. Descartes lebte im 17. Jahrhundert. Was ich jedoch jüngst einer Tierzeitschrift entnahm, stammt nicht aus dem 17. Jahrhundert, sondern aus dem Jahr 2006 – hier erklärt ein Hundetrainer, dass Eigenschaften, Charakterzüge und Begriffe wie z. B. Liebe, Treue, Ehrgeiz, Trauer ... rein menschlich seien und es daher unsinnig und falsch sei, sie auf den Hund anzuwenden. Auch wenn es manchmal so aussehe, als würde der Hund trauern oder seinem Herrn durch dick und dünn folgen, sei dies eine rein trieborientierte Handlung, da ein Hund solcher Gefühle grundsätzlich nicht fähig sei. Hierbei handelt es sich um eine durchaus heute noch verbreitete Ansicht. Dieser steht allerdings die Tatsache gegenüber, dass die moderne Gehirnforschung mit ihren High-Tech-Methoden offensichtlich dabei ist, den Gefühlen Eintritt in die Welt der Biologie zu verschaffen.

Naturwissenschaftlich gesehen hätten Tiere eindeutig Gefühle, meint der Professor für Zoologie und Neurobiologie Jörg-Peter Ebert. Man sei sich nur noch nicht einig, wie diese genau aussehen. Neurowissenschaftler Panksepp, der Entdecker des Lachens bei Ratten, sagt: „Es gibt nun überwältigende wissenschaftliche Beweise, dass Tiere Gefühle haben. Schließlich wurden alle Arzneimittel für die Behandlung von emotionalen und psychiatrischen Störungen beim Menschen zunächst an Tieren entwickelt und für wirksam befunden. Diese Art der Forschung wäre offensichtlich wertlos, wenn Tiere diese emotionalen Zustände nicht selbst erleben könnten“. Der Bremer Hirnforscher Gerhard Roth kommt zu dem Schluss, dass Gefühle das gesamte Denken dominieren – sowohl beim Menschen als auch bei Tieren. Er zeigt, dass zumindest Säugetiere alle Gehirnzentren besitzen, die im menschlichen Gehirn tätig sein müssen, damit wir Gefühle haben, und dass diese Zentren in derselben Weise miteinander verknüpft und aktiv sind wie beim Menschen auch.

 

Um wirklich effektiv mit wissenschaftlichen Modellen umgehen zu können, halte ich es für sehr wichtig, die Entwicklung zu verfolgen und immer wieder neueste wissenschaftliche Erkenntnisse für das Training nutzbar zu machen. Tiertrainer und Tierpsychologen werden zunehmend neben ethologischen Grundlagen genau so die Ergebnisse der Neurobiologie berücksichtigen müssen, wie das für den klinischen (Human-)Psychologen in der heutigen Zeit unabdingbar geworden ist. Auch die Bindungsforschung an Mensch und Tier sowie die Erforschung der Auswirkungen des Umgangs mit Tieren für den Menschen liefern Erkenntnisse, die unser Bild von der Mensch-Tierbeziehung revolutionieren könnten.

 

Aber es gibt eine weitere Erklärung, weshalb Ethologie und Lerntheorie, die ja meist ohnehin auf die Skinnersche Theorie des operanten Lernens beschränkt ist, als alleinige Grundlage des Trainings von Tieren nicht ausreichen:  Als Tiertrainer sind wir in einer ganz anderen Situation und wir tun etwas völlig anderes als der forschende Wissenschaftler. Was sich schon für den Forscher oft als Illusion entpuppt, gilt für uns als Tiertrainer in einem noch viel stärkeren Ausmaß: Wir sind keine objektiven Beobachter. Wir führen auch keine Lernversuche unter Laborbedingungen durch. Wir gehen bewusst eine Beziehung ein. Das ist etwas grundlegend anderes.

Jede Beziehung ist ein „System“, in dem sich die einzelnen Teile des Systems – in diesem Fall also der Mensch und das Tier/die Tiere – wechselseitig beeinflussen. Beziehen wir uns also ausschließlich auf verhaltens- oder lerntheoretische Grundlagen, besteht die Gefahr, diesen wichtigen Aspekt des Tiertrainings auszublenden.

 

Der Anthropologe Gregory Bateson, der auch über Kybernetik, Biologie und Psychotherapie geschrieben hat, vor allem aber durch die Entwicklung der Doppelbindungstheorie der Schizophrenie bekannt wurde, nutzt das Delphintraining als Modell für Führen und Lehren insgesamt. Während seiner Lehrtätigkeit an der Universität Hawaii hatte er auch mit Delphinen am Ozeanischen Institut Hawaii gearbeitet. In seiner „Delphin-Parabel“ zeigt er die Bedeutung der Beziehung zwischen Trainer und Tier sehr eindrucksvoll auf:

  • Nach Bateson ist es nicht die vorrangige Aufgabe des Trainers, bestimmte Verhaltensweisen zu konditionieren. Der Erfolg des Trainers hängt vielmehr davon ab, wie weit er die Kreativität des Delphins hervorzulocken vermag.
  • Der Trainer ist kein anonymer, objektiver Beobachter, wie die meisten Tierforscher sich sehen, sondern er befindet sich in einer intensiven Beziehung mit dem Delphin – und der Erfolg des Trainings hängt davon ab, ob und wie er diese Beziehung aufrecht erhält. Sowohl der Trainer als auch der Delphin werden beobachtet – von einem Publikum nämlich. Dieses zu erfreuen, definiert das Ziel des gesamten Trainingszusammenhangs.
  • Kommunikation über die Beziehung wird nicht durch Stimuli (Reize) und Verstärker (z. B. Belohnungen) vermittelt, sondern durch Botschaften. Die Pfeife dient dabei als eine Botschaft/ein Kommentar an den Delphin in Bezug auf etwas, was dieser tut. Die Futterbelohnung ist weniger eine Verstärkung für ein bestimmtes Verhalten, das der Delphin gezeigt hat, als eine Botschaft über die Beziehung.

 

Ich selbst habe, kaum dass ich mit dem Tiertraining begonnen hatte, festgestellt, dass mich an dieser Tätigkeit in erster Linie genau jene Aspekte interessierten, die Bateson am Beispiel des Delphintrainings aufzeigt. Von Anfang an standen neben der Förderung der Kreativität die Kommunikation, sowie die Rolle und die Entwicklung der Beziehung zwischen meinen Tieren und mir im Mittelpunkt meiner Aufmerksamkeit.

Mit großer Faszination bemerkte ich, dass nicht nur die Tiere, mit denen ich arbeitete, sich veränderten, sondern auch ich selbst. Ich entdeckte Fähigkeiten in meinen Tieren, die mich zum Staunen brachten – und damit meine ich nicht nur das Erlernen schwieriger Tricks. Ich staunte über ihren enormen Einfallsreichtum auf der einen, und die Fähigkeit, Handlungen umzusetzen, die ich mir wünschte, aber oft noch gar nicht signalisiert hatte – zumindest nicht bewusst – auf der anderen Seite. Ich konnte wahrnehmen, wie stark meine Tiere das spiegelten, was im Training innerlich in mir vorging.

Und ich entdeckte völlig neue Fähigkeiten in mir. Ich hatte begonnen, die Übungen nicht mehr von außen, sondern sozusagen aus den Augen des Tieres zu sehen. Es war mir vollkommen klar, weshalb z. B. meine Hunde, als sie das Laufen auf den Hinterbeinen erlernten, zunächst rückwärts liefen. Es war regelrecht spürbar, warum es so für einen Vierbeiner anfangs leichter ist, das Gleichgewicht zu halten. Ich wusste, ohne darüber nachzudenken, wie es sich anfühlte, weil ich es innerlich miterlebte.

Durch die gemeinsame Arbeit intensivierte und veränderte sich die Kommunikation zwischen meinen Tieren und mir in einer Art, die ich niemals für möglich gehalten hätte. Sie wurde zunehmend ganzheitlicher, intuitiver, immer öfter stellte sich das Gefühl des Miteinander-Schwingens in einem ungeahnten Gleichklang ein, das man „Resonanz“ nennt.

 

Begriffe wie „Intuition“ und „Resonanz“ scheinen auf den ersten Blick in die Esoterik-Ecke zu gehören. Aber der Schein trügt. Die moderne Neurophysiologie liefert uns die wissenschaftlichen Hintergründe für Resonanzphänomene. Fakt ist, dass wir heute wissen, dass es so etwas wie eine neurobiologische Resonanz gibt und wir wissen bis zu einem gewissen Grad, wie Intuition funktioniert (nachzulesen z. B. bei Joachim Bauer – Internist und Psychiater, Professor für Neuroimmunologie: Warum ich fühle, was du fühlst. Intuitive Kommunikation und das Geheimnis der Spiegelneurone. Hoffmann und Campe 2005).

 

Die Frage, wie ich im Training methodisch vorgehe, wie ich an bestimmte Tricks herangehe, wurde immer unwichtiger. Ich musste ja einfach nur auf mein Tier achten, es zeigte mir schon den Weg. Stattdessen beschäftigte mich die Frage: Was passiert da zwischen uns? Warum gelangen Tricks, die ich, wenn ich darüber nachgedacht hätte, im Grunde selber für unmöglich gehalten hätte?

   

                                                                                                   

Damit, dass ein Schweinchen, das darauf trainiert war,   Plastikdeckel aller Art als Fußtarget zu benutzen, nicht auf diesen Deckel treten, sondern ihn auf Anhieb aufheben und auf die Box legen würde, hätte ich nun wirklich nicht gerechnet.

 

 

 

                                                                                                                                                                                      

 

Und unmittelbar darauf – ohne jede Anweisung von mir – verschließt das Minipig die Box, indem es den Deckel so lange hin- und herruckelt, bis er korrekt einrastet.

 

 

 

 

Immer deutlicher wurde es, dass ich Tricks wie z. B. das Hochsitzen, nicht nur mechanisch, also z. B. durch das Hinauszögern der Belohnung, verlängern konnte, sondern auch dadurch, dass ich selbst innerlich in einer gewissen „Arbeitsspannung“ blieb (die natürlich etwas ganz anderes als eine Verspannung oder gar Verkrampfung). Und ich konnte Tricks beenden, indem ich diese „entspannte Spannung“ beendete.

 

                                                                                                                         

  Warum gelang Schweinchen Picco die Drehung auf dem Schwebebalken, wenn ich sie  hochkonzentriert innerlich „mitvollzog“, aber nicht, wenn ich nur einen kurzen Moment lang „unaufmerksam“ war?     

 

 

 

 

 

Natürlich begann ich bald, meine Aufmerksamkeit auch dann auf diese Vorgänge zu lenken, wenn ich mit anderen Leuten und deren Tieren arbeitete. Immer wieder wurde es deutlich, wie stark Tiere ihren Menschen und dessen Gefühle zu spiegeln scheinen, wie heftig sie darauf reagieren können, wenn sich ihr Mensch unter Erfolgsdruck setzt, selbst wenn diesem das selbst zunächst gar nicht bewusst sein mag, wie konsequent sie sich weigern können, etwas zu lernen, wogegen der Besitzer vielleicht nur im hintersten Winkelchen seines Bewusstseins Vorbehalte oder Versagensängste hat.

 

All diese Fragen und Beobachtungen bewirkten, dass die Tiere selbst zu meinen wichtigsten Lehrern wurden. Für mich wurde es immer deutlicher, dass ich über eine Trainingsmethodik hinausgehen wollte, die ausschließlich oder zumindest überwiegend auf das Tier fokussiert. So entwickelte sich wie von selbst eine Trainingsform, die ich „Ganzheitliches Training“ nenne.

Nein, ich hatte dieses Rad nicht erfunden. Ich hatte durch meine seit der Kindheit bestehende Verbindung zum Circus viel zu oft hervorragende Tierlehrer bei der Arbeit beobachtet, um nicht zu wissen, dass da noch etwas war, was weit über ethologisches Wissen und dem Tier entsprechende, zwangsfreie und positive Trainingsmethoden hinausging: die schwer zu beschreibende, tiefe Verbindung zum Tier. Ganz offensichtlich war die Kommunikation zwischen diesen herausragenden Trainern und ihren Tieren sehr viel intensiver und differenzierter, als das, was als tiergerechtes Vorgehen bekannt ist, und worauf sich auch die guten unter den Trainingsbüchern in der Regel beschränken. Ausnahmen bestätigen die Regel: In dem Buch „Horse, Follow Closely“ von GaWaNi Pony Boy, einem Cherokee-Indianer, habe ich viele von den Dingen, die ich im Tiertraining entdeckt hatte, wiedergefunden (erschienen im Kosmos Verlag, 2. Auflage 2004).

 

Denken wie ein Tier – die Rolle der Intuition im Tiertraining

In der Zwischenzeit habe ich viele exzellente Tiertrainer/Tierlehrer noch einmal sehr genau bei der Arbeit beobachtet und etliche von ihnen auch intensivst befragt. Nicht alle gaben sofort umfassend Auskunft. Und bald wurde mir klar, warum. Das, was bei einer intensiven Verbindung zwischen Mensch und Tier passiert, ist sehr schwer in Worte zu fassen. „Du musst eben denken wie ein Tier!“, kriegte ich in der Regel erst einmal zu hören. Oft konnte ich jedoch, wenn ich von meinen eigenen Erfahrungen berichtete, tiefer in den Reichtum ihres besonderen Wissens eindringen.

Der Verhaltensforscher Georg Kleemann, der auch über Circustiere gearbeitet hat, schreibt in seinem Buch „Manege frei“ (Kosmos 1968):

„Das innige Tierverständnis hat schließlich heute noch etwas sehr Geheimnisvolles an sich. Es ist ein rational noch nicht fassbarer Vorgang (...). Der nüchterne Betrachter kann nichts anderes tun, als festzustellen, dass es Menschen gibt, die ein so ursprüngliches Verhältnis zu Tieren haben, dass heute noch kein Denkprozess all ihren intuitiven Handlungen folgen kann. Vielleicht werden diese Beziehungen bei weiterer Entwicklung der psychologischen Forschung und der Verhaltensforschung eines Tages aufgeklärt – vielleicht wird das auch nie der Fall sein.“

Es scheint, als seien wir heute diesen Vorgängen wirklich ein Stück weit auf der Spur, auch wenn nach wie vor kein Denkprozess jemals die Geschwindigkeit zu entwickeln vermag, um intuitiven Handlungen folgen zu können. Allerdings wissen wir: Die Gehirne von Menschen und Tieren verfügen über Spiegelnervenzellen, die nicht nur beim Lernen eine vorrangige Rolle spielen, sondern auch dafür zuständig sind, dass wir Feinheiten wahrnehmen, uns in andere einfühlen, andere verstehen, Gefühle mit-fühlen, Handlungen vorausahnen und intuitiv reagieren können. Wir haben es also wohl doch nicht mit einer (mehr oder weniger ernst genommenen) Fähigkeit zur Intuition beim Menschen einerseits und andererseits einem ausgeprägten „Instinkt“ von Tieren zu tun, wie das oft gesehen wird, sondern mit einem neuronalen System, das Menschen und Tieren gemeinsam ist und miteinander in Kommunikation treten kann.

 

Als Intuition im kommunikativen Zusammenhang würde ich zunächst einmal die Fähigkeit bezeichnen, innerhalb von Sekundenbruchteilen auch jene Signale wahrzunehmen, die weder dem „Sender“ noch dem „Empfänger“ bewusst werden. Die Wahrnehmung selbst bezieht sich nicht auf Details, sie ist ganzheitlich. Sie erfolgt unterhalb der Bewusstseinsschranke und führt direkt zu einer Reaktion, ohne dass der analytische Verstand dazwischen geschaltet wird.

Tiere sind Meister der intuitiven Wahrnehmung. So schreibt der Primatologe Ray Carpenter:

„Stell dir vor, du bist ein Affe und läufst einen Pfad entlang, um einen Felsen herum und stehst plötzlich vor einem anderen Tier. Bevor du weißt, ob du es angreifen, ignorieren oder ob du fliehen sollst, musst du eine Vielzahl von Entscheidungen treffen. Ist es ein Affe oder ein Nicht-Affe? Wenn es ein Nicht-Affe ist: ist es ein Pro-Affe oder ein Anti-Affe? Wenn es ein Affe ist, ist er weiblich oder männlich? Wenn es ein Weibchen ist, ist es in der Hitze? Wenn es ein Männchen ist, ist es erwachsen oder jung? Wenn es erwachsen ist, gehört es zu meiner oder zu einer anderen Gruppe? Gehört es zu meiner Gruppe, ist es ranghöher oder rangtiefer? Es bleibt dir ungefähr ein Fünftel Sekunde, um alle diese Entscheidungen zu treffen, andernfalls kannst du angegriffen werden.“

(Zitiert nach Paul Watzlawick: Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Wahn, Täuschung, Verstehen. Piper München-Zürich)

 

Diese Art der ganzheitlich-intuitiven Wahrnehmung zeige ich gerne mit Schweinchen Piccolino anhand unseres „Rechentricks“. Dabei nennt jeweils ein Zuschauer eine Rechenaufgabe mitsamt einem entweder richtigen oder auch falschen Ergebnis. Ich wiederhole die Aufgabe und zeige dem Schweinchen eine Tafel mit der entsprechenden Zahl darauf. Ist das Ergebnis korrekt, nimmt Picco das Täfelchen. Ist das Ergebnis falsch, nimmt er es nicht, setzt sich stattdessen und guckt zur Seite.

Natürlich hatte ich den Rechentrick am Anfang ganz „klassisch“ trainiert. Ich führte ein Signal für „falsch“ ein, an dem das Minipig sich orientieren sollte, und das ich mit der Zeit immer unauffälliger werden lassen wollte. Bald jedoch hatte ich herausgefunden, dass der Trick am besten funktionierte, wenn ich gar nichts tat, außer ganz intensiv „richtig“ oder „falsch“ zu denken. Piccolino irrte fast nie – vorausgesetzt ich hatte mich nicht verrechnet.

Unser Rechentrick war auch Bestandteil eines Films, der für das koreanische Fernsehen gedreht wurde. Ich staunte nicht schlecht, als ich den Mitschnitt der Sendung bekam: Obwohl ich schon bemerkt hatte, wie fasziniert der Regisseur von diesem Kunststück war, hätte ich doch nicht damit gerechnet, dass die Koreaner einen Wissenschaftler beauftragen würden, der versuchen sollte, genau herauszufinden, woran Piccolino sich orientierte. Dieser konnte beweisen, dass der Klang meiner Stimme eine unterschiedliche Frequenzzusammensetzung zeigte, je nachdem ob ich ein richtiges oder ein falsches Ergebnis vorschlug und interpretierte dies als jenes Signal, an dem das Schweinchen ablas, was es tun sollte.

So feine Unterschiede im Stimmklang zu registrieren, die nur mittels eines Stimmdecoders entdeckt werden konnten, wäre bereits eine gewaltige Wahrnehmungsleistung – wenn sie denn tatsächlich das ausschlaggebende Signal für Piccolinos jeweilige Reaktion gewesen wären. Ich war allerdings überzeugt, dass das Minipig sich nicht an einem einzigen Signal orientierte, sondern ganzheitlich-intuitiv aufnahm, wie es sich verhalten sollte. Gleich am nächsten Tag versuchten wir die Übung ohne Stimme. Statt die Rechenaufgabe auszusprechen, dachte ich sie mir nur. Allerdings musste ich mich bei dieser Variante viel stärker konzentrieren als sonst. Gelang mir dies, bewältigte Piccolino die Aufgaben reibungslos.

 

Intuition oft mit „Instinkt“, andererseits aber auch mit Telepathie gleichgesetzt.

Der Begriff „Instinkt“ ist sowohl im Bereich der Humanpsychologie als auch in der Tierpsychologie nicht mehr sehr gebräuchlich. Charles Darwin und viele andere nach ihm haben das Instinktkonzept verwendet, um komplexes, fein auf die Umweltverhältnisse abgestimmtes Verhalten zu kennzeichnen, das scheinbar ohne Zuhilfenahme der Intelligenz erreicht und auf bestimmte Ziele ausgerichtet war.

Im Gegensatz zum „intelligenzfreien“ Instinkt, definierte man in der Psychologie die Intuition als eine Handlungsweise der Intelligenz, als eine Form der direkten Erkenntnis, die durch ihre Unmittelbarkeit und ihre Plötzlichkeit charakterisiert ist.

Den Instinkt schrieb man überwiegend den Tieren zu, die Intuition, so man sie überhaupt wissenschaftlich betrachtete, selbstverständlich ausschließlich dem Menschen. Heute wissen wir: Bestimmte neurale Vorgänge, die dem Menschen und den höheren Tieren gemeinsam sind, sind für die Intuition verantwortlich. Sowohl Menschen als auch Tiere verfügen über Intuition.

 

Telepathie ist die Übertragung von Gedanken von Mensch zu Mensch, von einem Menschen zu einem Tier oder umgekehrt. Von Telepathie kann man nur dann sprechen, wenn die Wahrnehmung eines Gefühls oder Gedankens einer anderen Person oder eines Tieres keine sinnliche Grundlage hat.

Dass telepathische Kontakte zwischen Menschen und Tieren möglich sind und sehr viel häufiger vorkommen, als man annehmen würde, wissen unzählige Tierhalter, auch ich selbst, aus eigenem Erleben. Der Biologe und Biochemiker Rupert Sheldrake hat diese sehr exakt systematisch erforscht und dokumentiert (Rupert Sheldrake: Der siebte Sinn der Tiere. Ullstein, München 2001. Und: Der siebte Sinn des Menschen. Scherz Verlag, Bern 2003).

Es ist durchaus möglich, dass telepatische Kontakte so etwas wie die Fortführung der einfachen sozialen Intuition auf einer höheren Ebene sein könnten. Über diesen Zusammenhang gibt es jedoch noch keine gesicherten Erkenntnisse.

 

Intuition ist jedes unmittelbare, ohne bewusstes Nachdenken vollzogene Erfassen von Erkenntnissen, Lösungen, sowie von Gefühlen oder auch das Vorausahnen von Handlungen anderer, auch dann, wenn diesem Erfassen sinnliche Wahrnehmungen zugrunde liegen, die in der Regel unbewusst bleiben.

Im Gegensatz zu Tieren misstrauen wir Menschen unserer Intuition häufig. Sie ist daher oft zu wenig trainiert und wird leicht vom rationalen, analytischen Denken überdeckt. Selbstverständlich ist es wichtig, das, was wir intuitiv erfassen, mit dem Verstand zu überprüfen – allerdings hinterher. Intuitives und logisch-abstraktes Denken funktionieren nämlich nicht zeitgleich.

Eine Tierlehrerin, die ich leider nicht persönlich kenne, hat in einem Interview ganz öffentlich über ihre „Geheimnisse“ gesprochen . Es ist Gabi Federer, die Leiterin des Walter-Zoos in der Schweiz. Sie hat Hauskatzen dressiert und tritt mit ihnen auf der Bühne und in ihrem „Katzencircus“ auf. Sie sagt:

„Katzen sind sehr intuitiv. Sie wissen genau, was ich will. Andererseits spüre ich, was sie gerade machen, auch wenn ich sie nicht im Blick habe. Mit der Leitkatze arbeite ich auf gedanklicher Ebene.“

 

Intuitives Erfassen – in welcher Ausprägung auch immer – setzt beim Menschen einen Zustand der „Leere im Kopf“ voraus, ein Loslassen des abstrakten Denkens und inneren Redens.

In dem oben genannten Buch „Wie wirklich ist die Wirklichkeit“ schreibt der Psychologe und Kommunikationsforscher Paul Watzlawick: „Es dürfte aber kein Zweifel bestehen, dass ein gewisses Maß an absichtlicher Unaufmerksamkeit unsere Sensibilität gerade für die besonders kleinen, averbalen Kommunikationen erhöht, die in zwischenmenschlichen Situationen oder solchen zwischen Mensch und Tier von besonders ausschlaggebender Bedeutung sein können.“

„Unaufmerksam“ scheint mir im Zusammenhang mit Tiertraining kein besonders glückliches Wort zu sein. Ich möchte also diesen Begriff durch einen anderen ersetzen, der diese spezielle Form der „absichtlichen Unaufmerksamkeit“ umschreibt: entspannte Konzentration. Wir Menschen sind in diesem Zustand, wenn wir meditieren, tagträumen oder einer Tätigkeit nachgehen, in der wir vollkommen im Tun aufgehen, dem sogenannten Flow.

Gabi Federer beschreibt den Zustand, in dem sie sich während der Arbeit mit Tieren befindet: „Ich bin stets voll dabei und vergesse alles rund um mich herum.“

 

Wer mit Tieren arbeitet und als Tiertrainer immer wieder Flow-Erfahrungen macht, wird feststellen, dass auch Tiere Flow-Zustände kennen. Sie scheinen dann völlig ins Tun zu versinken, in einen kreativen Rausch zu geraten, einen Zustand, in dem es vorkommt, dass sie Belohnungen einfach liegen lassen und weitermachen. Und oft treten Flow-Zustände zugleich ein, beim Trainer und beim Tier. Dieses sind Momente perfekter Resonanz.

 

Die intensive Verbindung zu Tieren und die besondere Form der Kommunikation beruht also recht offensichtlich auch auf einem ganz bestimmten Zustand, in dem sich der Trainer befindet und einer ganz speziellen Form der Wahrnehmung, die ich ganzheitlich-intuitiv nenne.

Wir wissen, dass der Schlüssel zu guter Kommunikation und intensiver Beziehung in der Anpassung an den anderen, im Aufeinander-Einstellen und –Eingehen, im Einfühlen liegt. Die Kommunikation zwischen Menschen verläuft perfekt, wenn es den Kommunikationspartnern gelingt, auf dieselbe Weise zu denken und zu fühlen. Warum sollte dies zwischen Mensch und Tier anders sein? Da Tiere nicht analytisch denken, das intuitive Erfassen mit Hilfe der Spiegelnervenzellen aber für sie überlebensnotwendig ist, befinden sie sich überwiegend in einer ganzheitlich-intuitiven Wahrnehmungs- und Kommunikationsbereitschaft.

„Denken wie ein Tier“ bedeutet für mich daher, weitgehend in derselben Weise zu denken, wie das meine vierbeinigen Schüler tun. In der Arbeit mit Tieren alle Alltagsprobleme draußen zu lassen, jede Art von innerem Gerede abzustellen, auch den kleinsten Anflug von Selbstzweifeln oder Leistungsdruck einfach gehen zu lassen, ganz und gar in der Gegenwart und bei dem, was wir gemeinsam tun, zu sein und mich auf die ganzheitlich-intuitive Ebene einzuschwingen, ist für mich die Essenz des Tiertrainings. Es ist der Zustand, den wir mit Tieren teilen können und aus dem heraus die kleinen Wunder in der Zusammenarbeit zwischen Menschen und Tieren möglich werden.

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