TIERPSYCHOLOGISCHE BERATUNG

 

Elisabeth Beck, Human- und Tierpsychologin (Bachelor of Animal Psychology)

Tierpsychologische Beratung für Hunde- und Minipig-Halter

 

 

 

 

e-Mail: arleccino@t-online.de

 

·         MEIN ANGEBOT

·         DIE ENTWICKLUNG MEINES TIERPSYCHOLOGISCHEN ANSATZES

·         TIERPSYCHOLOGIE – EINE PSYCHOLOGIE OHNE PSYCHE?

·         IST DER KLUGE HANS AN ALLEM SCHULD? (WIE DIE MECHANISTISCHE TIERPSYCHOLOGIE ENTSTAND)

·         HERAUSFORDERUNGEN FÜR DIE MODERNE TIERPSYCHOLOGIE: NEUE ERKENNTNISSE NUTZEN

·         ABSCHIED VON DER ANGST VOR VERMENSCHLICHUNG

 

MEIN ANGEBOT

Sie haben Probleme mit Ihrem Haustier? Sie wünschen sich Unterstützung und Anregung beim Training Ihres Hundes oder Minipigs? Ich biete Ihnen:

Tierpsychologische Beratung

– sowie individuelles Training und gerne auch Showtraining. Ich arbeite im Süden von Berlin und im Raum Potsdam und überwiegend mit den beiden Tierarten, die mir am vertrautesten sind: Minischweine und Hunde.

Sie benötigen tierpsychologische Beratung, aber es findet sich kein geeigneter Tierpsychologe in erreichbarer Nähe? Es gibt in Ihrer Umgebung keine Hundeschule, die dem entspricht, was Sie sich für sich und Ihren Hund wünschen, bzw. keinen minipigerfahrenen Trainer? Gerne biete ich eine individuelle, auf Sie, Ihr Tier, Ihre Probleme und Ziele abgestimmte, kostengünstige Beratung per e-Mail an. 

Online-Beratung/Online-Tiertraining

Tierpsychologische Beratung und Tiertraining per e-Mail – geht das denn überhaupt? Selbstverständlich kann auch die beste e-Mail-Beratung die ein Präsenztraining nicht ersetzen. Dennoch lassen sich viele Probleme auf diesem Weg lösen. Oft genügt schon eine einzige Beratung. In anderen Fällen wieder braucht es regelrechtes Trainingscoaching, das Erarbeiten von Vorgangsweisen im Training. Für Tierhalter, die gut mit dieser Form der Beratung zurechtkommen, hat das Coaching per e-Mail sogar eine Menge Vorteile:

-          Sie arbeiten mit Ihrem Tier wann und wo es Ihnen am besten passt. Sie müssen nirgendwo hinfahren und sind nicht an Termine gebunden.

-          Ihr Tier bestimmt das Tempo des Trainings – Sie bestimmen die Frequenz der Mails.

-          Indem Sie Ihre Ziele und Probleme formulieren, verschaffen Sie sich oft allein schon durch das Aufschreiben das Stückchen Klarheit, das der erste Schritt zum Erfolg ist. Mit der Zeit entsteht auf diese Weise ein Übungs-Tagebuch, auf das Sie jederzeit zurückgreifen können.

-          Sie werden von mir durch Know-how, konkrete Handlungsvorschläge und Trainingsanleitungen in einer Weise unterstützt, die Ihnen hilft, Ihrem Tier ein guter Trainer zu werden. Schritt für Schritt werden Sie selbst immer mehr zum Experten/zur Expertin für Ihr Tier, Tierverhalten und Tiertraining.

Bei Interesse an einem Präsenztraining oder Beratung per e-Mail schicken Sie bitte ein kurzes Mail an die oben angegebene Adresse oder nutzen Sie das Kontaktformular. Ich freue mich auf Ihre Fragen!

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DIE ENTWICKLUNG MEINES TIERPSYCHOLOGISCHEN ANSATZES

In einer Fernsehsendung wird die Arbeit eines Haustierpsychologen vorgestellt. Eine Frau hatte beschlossen, sich an einen Experten zu wenden. Ihre Sorge war, das recht forsche Verhalten ihres zehn Wochen alten Jack-Russel-Terriers könnte sich eventuell in eine problematische Richtung entwickeln. Der Tierpsychologe lässt sich die „Frechheiten“ des Welpen schildern, beobachtet sein Verhalten (... tatsächlich! Der Kleine zerrt an Hosenbeinen!). Er packt das Hündchen, dreht es auf den Rücken, drückt es gegen den Boden. Er hält das Tier, das offensichtlich um sein Leben schreit, gewaltsam fest, bis es resigniert. Der Besitzerin des Welpen schießen Tränen in die Augen. Der Tierpsychologe erklärt ihr, dass dies eine notwendige Maßnahme sei, da der Welpe bereits Anzeichen von Dominanz zeige. Die Frau resümiert am Ende der Stunde mit immer noch verweintem Gesicht: „Ja – ich muss lernen, härter zu werden!“

Ist das Tierpsychologie? Zum Glück ist nicht „nur das“ Tierpsychologie. Szenen wie diese repräsentieren nicht die Tierpsychologie an sich. Dennoch sind sie an der Tagesordnung. Das Wissen, dass der oben erwähnte Mann nicht einfach ein besonders brutaler Zeitgenosse ist, sondern dass er einer in Tierpsychologenkreisen durchaus anerkannten Theorie folgt, macht Praktiken dieser Art für mich nicht etwa akzeptabler, sondern letztlich noch unerträglicher.

Schon während des Tierpsychologie-Studiums vor einigen Jahren, befand ich mich in einem heftigen Konflikt zwischen dem, was dort vermittelt wurde, und den Erfahrungen, die ich im Umgang mit sehr vielen und sehr unterschiedlichen Tieren gemacht hatte. Ich war mit einem eigenartig reduzierten, starren Konzept konfrontiert, das nicht nur meinem Empfinden, sondern auch meinem Verstand widersprach. Bald war mir klar: Wenn ich jemals tierpsychologisch tätig werden wollte, musste ich für mich ein anderes Konzept entwickeln. Was ich auch tat. Dass ich dabei unerwartete und kräftige Unterstützung vonseiten der wissenschaftlichen Forschung erhalten würde, ahnte ich damals noch nicht.

Mein tierpsychologischer Ansatz ist – wie unser Tricktraining auch – ein ganzheitlicher und systemischer. Ich gehe davon aus, dass nicht nur Körper und Psyche, Emotion und Verhalten des Tieres in Wechselwirkung zueinander stehen, sondern auch das Verhalten und die Emotionen des Tierhalters mit dem Verhalten und den Emotionen seines Tieres.

Meine Vorannahme ist, dass die meisten Menschen, die Heimtiere halten, dies aus dem Wunsch nach einer intensiven und bereichernden Beziehung heraus tun. Der Mensch-Tierbeziehung kommt auch in meiner tierpsychologischen Arbeit ein hoher Stellenwert zu.

In einer intensiven Wechselwirkung zueinander stehen ganz offensichtlich auch bestimmte neurobiologisch verankerte Grundbedürfnisse, die wir Menschen mit den anderen Säugetieren teilen. Das Ausmaß, in dem diese grundlegenden Bedürfnisse des Tieres befriedigt werden können, entscheidet über sein emotionales Wohlbefinden. Verhaltensstörungen können wir daher als Ausdruck einer Störung des emotionalen Wohlbefindens betrachten. Dies ist für mich auch der Punkt, an dem therapeutische Maßnahmen ansetzen.

Neben ausgewählten, bewährten tiertherapeutischen Instrumenten setze ich auch weiterentwickelte und neu entwickelte Herangehensweisen ein. Die theoretischen Grundlagen für die Auswahl tiertherapeutischer Instrumente liefern wissenschaftliche Erkenntnisse über Tiere, die allesamt aus jüngster Zeit stammen. Wir verdanken sie den rasenden Fortschritten der Gehirnforschung, unzähligen Kontrollstudien an Tieren im Bereich der Humanpsychologie und einem beginnenden Umdenk-Prozess im Bereich der Tierforschung.

Noch vor wenigen Jahren, schien eine solche Entwicklung undenkbar. Die Tierforschung stand für Formen wissenschaftlichen Denkens, die wir in der Humanpsychologie inzwischen größtenteils überwunden haben. Sie stellte sich bis vor kurzem als eine teilnahmslos beobachtende, messende und quantifizierende Wissenschaft dar – eine seelenlose Welt.

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TIERPSYCHOLOGIE – EINE PSYCHOLOGIE OHNE PSYCHE?

Die Tier-Verhaltenstherapie wurde vor etwa 30 Jahren in Amerika entwickelt und hat inzwischen in allen Industriestaaten eine beachtliche Verbreitung erfahren. Was aber tut ein Tierpsychologe überhaupt? Was sind seine Aufgaben?

In der Humanspychologie können wir davon ausgehen, dass der therapeutisch arbeitende Psychologe bemüht ist, psychisches Leiden seiner Klienten zu lindern. Verfolgt man nun aber beispielsweise einige der so beliebt gewordenen Fernsehsendungen, die Tierpsychologen bei der Arbeit zeigen, scheint es bei diesen oftmals vorrangig um andere Ziele zu gehen als psychische Probleme der Vierbeiner zu lösen.

Tatsächlich ist es oft gar nicht einfach, einen Tierpsychologen etwa, der mit einem Hund arbeitet, von einem Hundetrainer zu unterscheiden. Die Herangehensweisen sind ähnlich. Sie beruhen in der Regel auf Konditionierungstheorien, auf der Dominanztheorie oder auch einer Mischung aus beidem. Während die Anhänger der Konditionierung auf Lernen durch Belohnung und Strafe setzen, sehen die Vertreter der dominanzorientierten Richtung den Ausweg aus den Problemen in der Klärung der Rangordnung. Sie vertreten die Meinung, der Mensch habe die Rolle des „Rudelführers“ einzunehmen und diese Position auch laufend zu demonstrieren.

Beide Theorien werden in der Praxis auf unterschiedliche Weise umgesetzt, von sanften Herangehensweisen bis hin zu regelrechter Brutalität. In der Mehrheit aller Fälle scheint jedoch der Schwerpunkt der Therapie tatsächlich eher darauf zu liegen, unerwünschtes Verhalten des Tieres zu beseitigen, als Ziele zu verfolgen, von denen man im Zusammenhang mit dem Therapiebegriff eigentlich ausgehen würde: der psychischen Gesundheit und dem emotionalen Wohlbefinden des Tieres. Warum ist das so?

Zum einen ist das wohl so, weil die Auftraggeber des Tierpsychologen nicht die Tiere sind, sondern die dazugehörigen Menschen. Ein zweiter, sehr wesentlicher Grund ist, dass es bis vor ganz kurzer Zeit so etwas wie emotionales Wohlbefinden von Tieren im wissenschaftlichen Sinn gar nicht gab. Wer im wissenschaftlichen Zusammenhang von Gefühlen, Emotion oder auch einem Bewusstsein bei Tieren gesprochen hätte, hätte allenfalls höhnisches Gelächter geerntet.

Franklin D. McMillan, Hochschulprofessor für Veterinärmedizin und Herausgeber des Buches „Mental Health and Well-Being in Animals“ (Blackwell Publishing, 2005) stellt fest, dass „... bis vor ganz kurzer Zeit psychischen Problemen bei Tieren nur Beachtung geschenkt wurde, wenn die Tiere ihren Besitzern durch sogenanntes ungezogenes Betragen unangenehm auffielen – dem versuchte man dann, durch Ausbildungsmethoden beizukommen, um dieses Verhalten zu korrigieren“.

Psychologie ist die Wissenschaft von der Psyche, der Gesamtheit aller bewussten und unbewussten Erlebens- und Verhaltensweisen. Da man nun aber ein Bewusstsein von Tieren für unmöglich hielt und davon ausging, dass man im Zusammenhang mit Tieren nicht von „Erleben“ sprechen konnte, blieb als einziger Bereich der tierpsychologischen Forschung das Verhalten übrig. Die Tierforschung verstand sich also als reine Verhaltenswissenschaft. Die Tierpsychologie wurde damit zu einer Psychologie ohne Psyche.

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IST DER KLUGE HANS AN ALLEM SCHULD?

Hans, ein achtjähriger Hengst, versetzte um 1904 die wissenschaftliche Welt in Aufruhr. Zoologen, Psychologen, Physiologen, Neuropsychiater, Veterinärmediziner, ganze Expertenkommissionen und akademische Komitees pilgerten nach Berlin, um das Wunder zu bestaunen: Hans konnte rechnen! Hans klopfte die Ergebnisse komplizierter mathematischer Aufgaben mit seinem Huf. Um nichtnumerische Aufgaben lösen zu können, hatte er das ganze Alphabet auswendig gelernt: a = 1x klopfen, b = 2x klopfen usw. Darüber hinaus konnte er die Uhr lesen, Fotos von Leuten erkennen, die ihm vorgestellt worden waren, und vieles mehr.

Die Euphorie der Wissenschaftler kannte keine Grenzen – bis eines Tages einer von ihnen feststellte, dass das Pferd „versagte“, wenn die Lösung der gestellten Aufgabe keinem der im Raum anwesenden bekannt war, bzw. wenn verhindert wurde, dass es die betreffende Person sehen konnte. Es brauchte also optische Hilfen (diese mussten allerdings nicht absichtlich gegeben werden!).

Statt diese hochinteressante Entdeckung zu würdigen und weiterzuverfolgen, werteten die Wissenschaftler diese Ergebnisse als Blamage. Die Erfahrungen mit dem klugen Hans wurden damit zu einem Trauma, über das die Ethologie (Verhaltensforschung) bis heute offensichtlich nicht ganz hinweggekommen ist. Ab sofort ging es nur noch um eines: Vermeidung des Klugen-Hans-Fehlers durch absolute Ausschaltung unwillkürlicher Zeichengebung in Lernexperimenten. Jeder Mensch-Tierkontakt wurde strikt unterbunden. Hier finden wir die Wiege der Rattenlabyrinthe, der Skinnerboxen und anderer Vorrichtungen, die der „einzig wissenschaftlichen“ Erforschung des Lernens dienen sollten.

Wie schon Prof. Hediger, der frühere Direktor des Züricher Zoos, der auch auf dem Gebiet der Tierdressur geforscht hat, ausführt, wurde durch das peinliche, ängstliche Vermeiden jedes Kontakts mit dem Tier das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Nicht nur, dass so die phantastische Fähigkeit der Tiere ignoriert wird, kleinste Muskelbewegungen, z. B. der Mimik, wahrzunehmen und richtig zu deuten – ignoriert wird auch die Tatsache, dass wir fortwährend Signale aussenden, deren wir uns nicht bewusst sind (nach Watzlawick).

Hediger schreibt: „Wir sind für das Tier oft in einer für uns unangenehmen Weise durchsichtig. Diese in gewissem Sinne peinliche Erkenntnis ist in der Tierpsychologie bisher merkwürdigerweise immer nur ein Gegenstand der Verdrängung und nie Ausgangspunkt positiver Untersuchungen im Sinne intensiverer Verstehens- und Verständigungsmöglichkeiten gewesen.“ (H. Hediger: Verstehen und Verständigungsmöglichkeiten zwischen Mensch und Tier. Schweizerische Zeitschrift für Psychologie und ihre Anwendungen, 26/1967)

Aber natürlich liegen die Quellen für die insgesamt reduzierte Betrachtungsweise von Tieren durch die Wissenschaft viel weiter zurück. Bereits Plato unterschied zwischen der „rationalen Seele“ und der „tierisch-triebhaften“ Seele“. Letztere wurde seiner Ansicht nach von irrationalen Emotionen regiert und war sterblich, während die rationale Seele das Unsterbliche am Menschen darstellte. Über diese rationale Seele verfügten seiner Ansicht nach nicht alle Lebewesen. Frauen, Sklaven und selbstverständlich allen Tieren wurde lediglich eine primitive (triebhafte, unvernünftige) Seele zugesprochen. Aristoteles setzte diese Tradition des Denkens in seiner „scala naturae“ fort. Der Mann stand nach wie vor an der Spitze und unter ihm rangierten all jene, die nur über primitive Seelen verfügten, Frauen und Tiere also.

Im 17. Jahrhundert griff der Naturwissenschaftler und Philosoph Renè Descartes (1596 - 1650) diese Ideen wieder auf. Im Mittelpunkt seiner Weltsicht standen die strikte Trennung zwischen Körper und Seele (Dualismus) und er erhob das Denken zum obersten Prinzip („Ich denke, also bin ich“). Für ihn war die Frau oder das Tier nun nicht mehr so sehr „Sklave der Emotionen“ als vielmehr eine Art Maschine. Als Begründer des modernen Rationalismus hatte Descartes Einfluss auf wissenschaftliches Denken bis in unsere Tage hinein – vor allem, was die Betrachtung von Tieren betraf.

Roger S. Fouts, PhD (Friends of Washoe Chimpanzee and Human Communication Institute, Washington University) schreibt in seinem Vorwort zu “Mental Health and Well-Being in Animals” (s. o.):

“By being machines, it simply meant that the yelp of a dog that is struck by his master is no different than the ringing of a bell that is struck by its owner. If the reader is offended by the objectification of subjects such as women, or even when forests are destroyed for monetary profit, you now know whom to blame: Renè Descartes and all those who have embraced this erroneous philosophy. In a pragmatic sense it has done a great deal of harm, not only to those who have been treated like machines, but to those who treated them in this way.”

(An dieser Stelle möchte ich dafür um Verständnis bitten, dass ich englischsprachige Zitate hier nicht übersetze. Es liegt daran, dass meine Übersetzungen ins Deutsche den Originaltexten einfach nicht gerecht werden, wie ich – mit einem Riesenkompliment an alle guten, einfühlsamen Übersetzer! – immer wieder feststelle.)

Die „cartesianische“ (= auf Descartes zurückgehende) Weltsicht setzte sich in abgewandelter Form bis in unsere Zeit hinein im Behaviourismus fort. Dieser war eine der wesentlichsten Strömungen der Psychologie in den beiden ersten Dritteln des 20. Jahrhunderts. Begründer des Behaviourismus war John B. Watson (1878 – 1958), sein bekanntester Vertreter B. F. Skinner (1904-1990). War bereits Descartes davon ausgegangen, dass man nichts als wahr zu betrachten habe, wenn nicht klar zu erkennen sei, dass es auch wahr sei, forderte Watson nun, den Gegenstand der Psychologie auf beobachtbares und messbares Verhalten zu begrenzen. Begriffe wie „Geist“, „Kognition“, oder „Emotion“ sollten daher aus der Wissenschaft verbannt werden, allen voran „der Witz Bewusstsein“. Watson und seine Nachfolger setzten auf tierpsychologische Experimente und übertrugen deren Methoden und Ergebnisse auf den Menschen. Das Verhalten von Tieren konnte nach Ansicht der Behaviouristen ausschließlich anhand von Reaktionen auf Reize betrachtet werden.

„With this“, schreibt McMillan in dem oben zitierten Werk, „in the eyes of the scientific community, the animal mind ceased to exist.”

In der Humanpsychologie war der Behaviourismus inzwischen durch die “kognitive Revolution” abgelöst worden und er verlor an Bedeutung. Während sich schließlich aufgrund der expandierenden Gehirnforschung sogar die Emotionen ihren Platz in der Psychologie zurückeroberten, das Bewusstein nicht mehr als „Witz“ betrachtet wurde und selbst der unbewusste Bereich der Psyche wiederentdeckt worden war, schien die Tierforschung größtenteils weiterhin in Traditionen cartesianischen Denkens zu erstarren. Diese waren längst zu einer Ideologie geworden.

„When, however, certain assumptions in various fields become insulated from and impervious to rational criticisms, they become ossified into ideologies.” (Bernhard E. Rollin, Universitätsprofessor für Philosophie, Tierwissenschaften und Bioethik in: “On Understanding Animal Mentation”/Mental Health and Well-Being in Animals, s. o.).

Eine Ideologie ist ein System von Überzeugungen, das für eine bestimmte Gruppe von Menschen verbindlich ist. Wer es nicht übernimmt, läuft Gefahr, „exkommuniziert“ zu werden. Wie schwierig es sein kann, sich diesem Druck zu widersetzen, beschreibt der bereits erwähnte R. S. Fouts vom Chimpanzee and Human Communication Institute. Er erzählt von seinen Erfahrungen während seines Studiums:

„It wasn’t until college and my advanced courses in science that my unwitting Darwinian view of our fellow animals was replaced with the accepted and acclaimed Cartesian view. My “hayseed” naiveté was quickly stamped out with opprobrium’s like “anthropomorphism” and “sentimentality” and “subjective opinions”. I was encouraged to abandon these and replace them with “objectivity”. It was the prerequisite to get into a very special and exclusive club. The attraction catered to our species’ greatest weakness: our arrogance.”

Natürlich hatte also der Kluge Hans nicht „Schuld“ an der in reinen Verhaltensbeobachtungen und –messungen stagnierenden Tierforschung. Die Ereignisse um dieses geniale Tier scheinen mir jedoch recht deutlich zu zeigen, welche Macht zur Ideologie erstarrte Theorien haben können. Hans hatte mit seiner überragenden Wahrnehmungsfähigkeit den Menschen eine Chance geboten, wirklich Neues über Tiere zu erfahren, alte Theorien zu überprüfen, neue zu entwickeln. Einen Augenblick lang sah es so aus, als würden die Wissenschaftler die Gelegenheit dazu beim Schopf packen. Die Episode endete jedoch in dem, was man das „Kluge-Hans-Trauma“ nennt. Und Albert Einstein hat wieder einmal Recht behalten: „... in Wirklichkeit bestimmt die Theorie, was wir beobachten können“.

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HERAUSFORDERUNG FÜR DIE MODERNE TIERPSYCHOLOGIE: NEUE ERKENNTNISSE NUTZEN

Inzwischen liegen uns Forschungsergebnisse vor, die manchem Tierhalter nicht allzu neu erscheinen mögen, das herkömmliche Weltbild der Wissenschaft jedoch völlig auf den Kopf stellen. Wir können heute davon ausgehen dass ...

·        ... höhere Tiere über ein Bewusstsein verfügen. Sie erfahren emotionale und psychische Phänomene, die man bislang nur für den Menschen als wichtig erachtete.

·        ... Säugetiergehirne nach recht ähnlichen Prinzipien funktionieren. Es bestehen eher quantitative als wirklich qualitative Unterschiede zwischen den Arten, also auch zwischen Tier und Mensch.

·        ... alle Erfahrungen und Lernprozesse sich in echten physiologischen Veränderungen im Gehirn niederschlagen. Zudem ist die Bedeutung der Neurotransmitter recht weitgehend erforscht. Neurotransmitter spielen eine wichtige Rolle für Lernen, Erleben und Verhalten von Mensch und Tier. Damit kann eine ganzheitliche Betrachtungsweise die dualistische (Trennung von Körper und Psyche) endgültig ablösen.

·        ... Menschen und viele Tierarten über sogenannte Spiegelneurone verfügen. Dabei handelt es sich um Nervenzellen im Gehirn, die das Einfühlen in andere und damit die Bindung zwischen Lebewesen ermöglichen und die nicht nur innerartlich, sondern auch zwischenartlich miteinander in Kommunikation treten können.

·        ... dass Tiere unsere wichtigsten Grundbedürfnisse teilen (Im Zuge der Erforschung der psychischen Grundbedürfnisse des Menschen wurden auch viele Tierstudien durchgeführt – siehe z. B. Klaus Grawe: Neuropsychotherapie. Hogrefe 2004). Es sind dies: das Bedürfnis nach Bindung, das Bedürfnis nach Orientierung und Kontrolle und (mit kleinen Vorbehalten) das Bedürfnis nach „Lust“ (pleasure) und dem Vermeiden von „Unlust“ (pain). Lediglich das Bedürfnis nach Selbstwerterhaltung und Selbstwertvermehrung wird auch heute noch ausschließlich dem Menschen zugesprochen.

Was aber bedeuten neue Erkenntnisse wie diese für die Tierpsychologie im allgemeinen und speziell für meinen tierpsychologischen Ansatz? Bedeutet das, dass alle bisher eingesetzten tiertherapeutischen Instrumente „falsch“ oder „unsinnig“ waren? Nein. Wir brauchen zwar mit Sicherheit auch neue Herangehensweisen, wir können aber viele Techniken übernehmen, die sich bereits bewährt haben und sie gegebenenfalls weiterentwickeln oder modifizieren. Neues Wissen ermöglicht uns in jedem Fall, therapeutische Maßnahmen differenzierter auszuwählen und den Hintergrund unseres Tuns auf eine andere Art zu betrachten.

Einige Beispiele:

Von der Arbeit mit Hilfe der Körpersprache zur Resonanz

Die Rolle der menschlichen Körpersprache wurde auch bisher von vielen Tierpsychologen betont, von anderen wieder weitgehend außer acht gelassen. Die Erforschung der Spiegelnervenzellen bestätigt die immense Bedeutung des körpersprachlichen Ausdrucks für die inner – und zwischenartliche Kommunikation. Sie führt aber auch zu dem Schluss, dass wir über ein reines „Körpersignale-“ oder „Sichtzeichen-Geben“ hinausgehen sollten, da Tiere mit Hilfe ihrer ausgeprägten intuitiven Wahrnehmung auch winzigste Feinheiten unseres Ausdrucks lesen. Diese Feinheiten ergeben sich aus unseren eigenen Emotionen und der Art, wie wir denken. Die Fähigkeit, intuitiv-ganzheitlich zu „denken wie ein Tier“, die für viele exzellente Trainer aus dem Showbereich schon immer Grundlage ihrer Arbeit war, könnte zunehmend auch für den praktizierenden Tierpsychologen wichtig werden.

Wo immer tierpsychologische Klienten dafür aufgeschlossen sind, könnte es eine spannende Aufgabe für den tierpsychologischen Berater sein, diese in intuitiver Kommunikation (siehe UNSER TRAINING – Ganzheitlich trainieren/Die Rolle des Menschen ...) zu unterweisen. Auf diese Art bliebe tierpsychologische Beratung nicht auf ein reines Weg-von-Problemen beschränkt. Sie könnte sich zum Ziel setzten, zum einem zum emotionalen Wohlbefinden des Tieres, zum anderen aber auch zu einer intensiven Beziehung zwischen dem Menschen und seinem Tier, bis hin zu Resonanzerfahrungen, beizutragen.

 

Ein neuer Blickwinkel auf das Lernen von Tieren

Klassische und operante Konditionierung werden weiterhin eine Rolle in der Tiertherapie spielen. Dennoch wissen wir inzwischen, dass sich auch tierisches Lernen nicht auf Konditionierung beschränkt. Zudem erscheinen die Konditionierungstheorien selbst aufgrund neuer Erkenntnisse (z. B. über die Rolle der Neurotransmitter) in einem anderen Licht. Und es gibt neue Erklärungsansätze für die Hintergründe von Lernprozessen, die bislang als gleichsam mechanische Verknüpfungen von Reizen mit Reaktionen gesehen wurden. So spricht etwa Neurobiologe Panksepp in diesem Zusammenhang vom „Seeking System“, einem von mehreren emotionalen/motivationalen Systemen, die Menschen und Tiere teilen:

„For decades, this system was considered to be a reward-pleasure system, but it is now generally agreed that it is better conceptualised as a basic, positively motivated action system that helps mediate our desires, our foraging, and our positive expectancies about the world rather than the behaviouristic concept of reinforcement.” (Jaak Panksepp: “Affective-Social Neuroscience Approaches to Understanding Core Emotional Feelings in Animals”. In: “Mental Health and Well-Being in Animals”, s. o.)

 

Ethisch fragwürdige Herangehensweisen entpuppen sich auch wissenschaftlich betrachtet als kontraproduktiv

Eindrucksvolle Beweise dafür, dass Tiere über Emotionen verfügen und daher auch psychische Störungen entwickeln können, finden wir nicht nur in der Tatsache, dass sämtliche Psychopharmaka an Tieren getestet wurden, sondern auch in psychologischen Tierstudien, wie etwa die von Seligman zur Erforschung der Depression – um nur ein Beispiel zu nennen.

Für die angewandte Tierpsychologie bedeutet das, dass wir uns endgültig von „therapeutischen Instrumenten“ verabschieden sollten, die nicht nur aus ethischen Gründen mehr als bedenklich sind, sondern sich auch vom wissenschaftlichen Standpunkt her als unsinnig erweisen. Beispiele dafür sind gewisse „Anti-Dominanz-Kuren“ sowie „Alpha-Würfe“, die dem Tier zeigen sollen, wer der „Chef“ sei, oder auch der Einsatz von Reizstrom und Sprühhalsbändern. Dasselbe gilt für das oft empfohlene Dauerignorieren von Hunden, das dem entspricht, was wir heute „Mobbing“ nennen, und nach Bauer „einem sozialen Tod gleichkommt“ (siehe Joachim Bauer: „Warum ich fühle, was du fühlst – Intuitive Kommunikation und das Geheimnis der Spiegelzellen“. Hoffmann und Campe 2005).

Tatsächlich beseitigen „Behandlungsmethoden“ wie diese manchmal bestimmte unerwünschte Verhaltensmuster eines Tieres schnell und zuverlässig. Sie führen allerdings ebenso zuverlässig zu neuen psychischen Störungen.

Wiederholte „bestrafende“ Maßnahmen erzeugen in den seltensten Fällen – sozusagen auf linearem Weg – ganz konkrete Neurosen. Verhaltenskorrigierende Maßnahmen über negative Verstärkung fördern jedoch die Vermeidungsmotivation insgesamt. Wir können heute als ziemlich gesichert betrachten, dass jede Verstärkung des Vermeidungssystems der Boden ist, auf dem sich in der Folge psychische Probleme entwickeln werden.

Auch das Mobben von Tieren scheint auf den ersten Blick keine negativen, sondern sogar positive Folge zu haben: Dauerignorierte Hunde (wie auch Hunde, die in schnellem Wechsel gemaßregelt und gelobt werden) können sehr anhänglich und fügsam werden. Dahinter steht jedoch keine Intensivierung der Bindung, sondern im Gegenteil eine schwere Verletzung des Bindungsbedürfnisses. Diese führt zu einer massive Bindungsstörung, die stark an das erinnert, was man beim Menschen ein „unsicher-ambivalentes Bindungsmuster“ nennt. Auch unsicher-ambivalent gebundene Kinder sind „anhänglich“. Viele von ihnen werden von Eltern und Lehrern als „lieb“ und „pflegeleicht“ beschrieben. Dennoch ist dieses Bindungsmuster die Grundlage für schwerste psychische Probleme im späteren Verlauf des Lebens.

 

Das Zusammenspiel neurologisch verankerten Grundbedürfnisse im Zentrum der Tiertherapie

Orientieren wir uns in der Tiertherapie an neurobiologisch verankerten Grundbedürfnissen, die Menschen und Tieren gemeinsam sind und in Wechselwirkung zueinander stehen, ermöglicht dies eine sehr differenzierte Diagnostik. Und mit Sicherheit können wir zu sinnvolleren Behandlungsansätzen gelangen, wenn wir uns auf Bedürfnisse statt auf „Triebe“ (ein längst überholtes, aber noch immer viel zitiertes Denkmodell), ein fiktives „Dominanzstreben“ oder ein mehr oder weniger mechanisches Reiz-Reaktionskonzept beziehen.

Bedürfnisse waren auch bisher Thema in der Tierszene. Von Bedürfnissen sprach man allerdings fast ausschließlich im Zusammenhang mit dem Begriff „artspezifisch“ (Jeder, der mit Tieren zu tun hat, kennt wohl auch die oft ausufernden Debatten darüber, was denn nun „artgerecht“ sei und was nicht). Es steht völlig außer Zweifel, dass wir die ureigensten Bedürfnisse der unterschiedlichen Tierarten genau kennen und berücksichtigen müssen. Eine totale Konzentration auf „Artspezifisches“ aber betont ausschließlich Unterschiede. Die Betonung von Unterschieden und das Vernachlässigen der Gemeinsamkeiten zwischen den Arten, vor allem denen zwischen Mensch und Tier, haben wir ja nun viele Jahrhunderte lang kultiviert. Wir haben sie so sehr kultiviert, dass letztlich nicht einmal Darwin mit seiner Evolutionstheorie (und seinen Abhandlungen über die Gefühle von Tieren) die cartesianischen Denkmuster ernsthaft erschüttern konnte. Die reine Konzentration auf Unterschiede bringt uns nicht weiter. Wir brauchen neue, flexible und übergreifende Modelle.

Ein solches hilfreiches Modell ist für mich die Konsistenztheorie (nach Grawe, s. o.). Sie erklärt aus einer neurowissenschaftlichen Perspektive, dass man psychische Probleme nicht vom motivierten psychischen Geschehen trennen kann. Sie betrachtet psychische Störungen als Reaktion auf Verletzungen der Grundbedürfnisse von Lebewesen.

Dieses Gebiet ist sehr komplex und umfangreich, so dass ich hier nur auf einige wenige Beispiele zurückgreifen möchte.

Das Bedürfnis nach Orientierung und Kontrolle etwa und seine immense Bedeutung, ist schon seit langer Zeit an Menschen und Tieren erforscht. Dennoch spielte es bisher kaum eine Rolle in der Tiertherapie. Das Streben nach Orientierung und Kontrolle stellt ein grundlegendes, weil überlebensnotwendiges Bedürfnis dar. Einfach ausgedrückt könnte man es vielleicht so beschreiben: Wir und andere höhere Lebewesen möchten uns nicht ausgeliefert fühlen, sondern handlungsfähig bleiben und Wahlmöglichkeiten haben. Die verheerenden Folgen, die der Verlust von Orientierung und Kontrolle nicht nur für Menschen, sondern auch für Tiere hat, konnte Pawlow bereits 1927 in einem Experiment eindrucksvoll aufzeigen:

Hunde bekamen Futter, wenn ihnen ein Kreis gezeigt wurde, aber keines, wenn eine Ellipse gezeigt wurde. Nachdem die Hunde gelernt hatten, Kreis und Ellipse voneinander zu unterscheiden, wurden die beiden Figuren schrittweise aneinander angenähert, bis den Tieren eine Unterscheidung nicht mehr möglich war. Obwohl es in diesem Experiment keine Bestrafung gab, entwickelten alle Hunde das, was Pawlow eine experimentelle Neurose nannte. (Nach Grawe: Neuropsychotherapie, s. o.)

Unter diesem Gesichtspunkt erscheint es fast unfassbar, dass es immer noch Methoden des Hundetrainings gibt, deren erklärtes Ziel die „unbedingte Abhängigkeit“ des Hundes ist, also ein Verhindern selbst der winzigsten Ansätze des Tieres, dem Grundbedürfnis nach Orientierung und Kontrolle zu folgen. Sehr viel Spielraum für ein angemessenes Ausleben des Kontrollbedürfnisses bieten die Techniken des Clickertrainings, vor allem Kreativitätsübungen und freies Formen von kleinen Kunststücken (siehe: UNSER TRAINING – Operantes Lernen). Nicht nur für ängstliche, zu Stressreaktionen neigende Tiere ist es wichtig, immer wieder positive Kontrollerfahrungen zu machen. Für sie stehen diese allerdings – neben der Arbeit an einer sicheren Bindung – im Zentrum der Therapie.

Die Wechselwirkungen zwischen grundlegenden Bedürfnissen als Ausgangspunkt zu betrachten, ermöglicht z. B. auch einen völlig neuen Blickwinkel auf den sogenannten dominanten Hund. Vieles spricht dafür, dass es sich bei Verhaltensweisen, die bisher oft als Dominanzstreben gedeutet wurden, um den Ausdruck eines verletzten Bindungsbedürfnisses handelt.

Bindung ist die erste Vorraussetzung und Grundlage jeder weiterer Entwicklung. Ohne Bindung kann ein junges Säugetier nicht überleben. Bindung und Kontrolle sind, speziell zu Anfang des Lebens, auf das engste miteinander verbunden, da das Neugeborene keine andere Möglichkeit hat, Kontrolle über seine dringendsten physiologischen Bedürfnisse zu haben, als die Nähe der Mutter zu suchen. Später wird das Bedürfnis nach Bindung auf andere Lebewesen übertragen, mit denen das Tier sozialisiert ist.

Wie beim Menschen auch, kann sich ein Mangel an sicherer Bindung bei einem Tier in einem überschießenden Kontrollbedürfnis äußern. Und nur in dieser übersteigerten Form ist es ein Problem für das Tier und verursacht auch dem Tierhalter Probleme. Unsicher gebundene Hunde mit einem übersteigerten Kontrollbedürfnis nannte man bisher „dominant“.

Die Verhaltensmuster solcher Hunde haben jedoch nichts mit denen des selbstsicheren, sozial kompetenten Leittieres zu tun. Leittiere zeigen fast immer ein sicheres Bindungsmuster und eine ausgeprägte Annäherungstendenz. Bei fast allen als dominant bezeichneten Hunden fallen mangelnder Kontakt zum Menschen, hohe Erregbarkeit und Vermeidungstendenzen ins Auge. Diese Tiere können sich nicht anvertrauen und müssen daher alles selber regeln – bis zur Erschöpfung. Es kann also nicht darum gehen, das Kontrollbedürfnis nur unterbinden zu wollen, sondern es auf Situationen umzulenken, die unbedenklich sind. Auch hier bietet sich freies, kreatives Tricktraining als therapieergänzende Maßnahme an. Dieses kann auch im Sinne einer „Stressimpfung“ (siehe: HÄUFIGE FRAGEN – Ist das Training für die Tiere mit Stress verbunden?) die hohe Erregbarkeit dieser Tiere abmildern. Vor allem aber sollten wir alles dafür tun, eine sichere Bindung an den Menschen zu ermöglichen. Sichere Bindung bedeutet emotionales Wohlbefinden und ist die Grundlage für psychische Gesundheit.

Orientieren wir uns an den Bedürfnissen unserer vierbeinigen Klienten und zeigen Wege auf, wie das Tier diese besser leben kann, reduziert sich auch das, was den Tierhalter als unerwünschtes Verhalten belastet hat. Der scheinbare Widerspruch zwischen dem Wohlbefinden des Tieres und eventuellen Interessen des Besitzers ist damit aufgehoben.

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Abschied von der Angst vor Vermenschlichung

„Man darf Tiere nicht vermenschlichen!“, ist ein immer wieder zitierter Satz in der Tierhalterszene. Darf man nicht? Was bedeutet es überhaupt, Tiere zu „vermenschlichen“?

Wenn „Vermenschlichung“ bedeutet, die ureigensten Bedürfnisse, Eigenheiten und Lebensweisen der unterschiedlichen Arten nicht zu respektieren, ist das mit Sicherheit problematisch. Als noch gravierender und für die Mensch-Tierbeziehung belastender sehe ich jene Form der Vermenschlichung, die oft unbewusst bleibt und daher gar nicht als solche wahrgenommen wird: Ängste, „Stress“, Peinlichkeiten, aber auch bestimmte Sehnsüchte, die ganz klar die Gefühle des Zweibeiners sind, werden da auf das Tier projiziert und diesem zugeschrieben. Dadurch wird das Tier stark verunsichert und es entwickelt in der Folge tatsächlich negative Gefühle.

Richtet sich nun aber die oft schon grotesk wirkende Angst vor Anthropomorphismen (Vermenschlichungen), die man nicht nur bei Wissenschaftlern, sondern auch bei vielen Tierhaltern wahrnehmen kann, wirklich nur auf solche Entgleisungen? Oder haben wir uns vielleicht einfach so sehr an cartesianische Denkweisen gewöhnt, dass wir befürchten, der Unwissenschaftlichkeit, der Naivität oder gar der Sentimentalität bezichtigt zu werden? Und was genau würde eigentlich passieren, wenn wir diese Befürchtungen über Bord werfen?

Anthropomorphismus bedeutet, menschliche Ausdrücke für Gefühle von Tieren zu benutzen. Im Moment aber, wo wir anerkennen, dass wir nicht die einzigen sind, die über ein reiches Gefühlsleben verfügen, bleibt uns schließlich keine andere Wahl, als eben das zu tun. Auch die Gefühle anderer Menschen können wir letztlich nur durch Einfühlen und Nachfühlen erfassen. Selbst dann, wenn wir uns eine emotionale Erfahrung eines anderen Menschen sehr genau beschreiben lassen, können wir niemals hundertprozentig sicher sein, dass seine Freude, seine Trauer, seine Aufregung, sein Ärger ... genau dem entspricht, wie wir selbst diese Gefühle erfahren.

„In my estimate, what we should fear more than anthropomorphism is an anthropocentrism that wishes to deny that core cross-species principles are to be found at the very foundation of human existence, or a zoocentrism that sees animals as being so distinct from humans that they will shed no light on many aspects of our psychological nature”, sagt Panksepp.

Was also passiert, wenn wir übertriebene Ängste vor der Vermenschlichung von Tieren loslassen? Der Professor für Evolutionsbiologie Marc Bekoff hat eine klare Antwort auf diese Frage: „Auf diesem Weg machen wir uns die Welt anderer Tiere zugänglich“.

Sich die Welt anderer zugänglich zu machen, ist immer eine Bereicherung. Und ganz nebenbei befreien wir auf diesem Weg die Tierpsychologie endlich vom Status einer Psychologie ohne Psyche. Die Zeit ist reif dafür.

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