TIERE IM KINDERCIRCUS

 

·        KINDER BRAUCHEN TIERE

·        TIERNUMMERN IM KINDERCIRCUS

·        PROBENARBEIT UND MÖGLICHE PROBLEME

·        FAZIT

 

KINDER BRAUCHEN TIERE

Der Kinder- und Jugendcircus lebt. Schulen, Vereine und andere Institutionen bieten Jugendprojekte mit circensischen Künsten an. Circus wird zu einem immer wichtigeren Medium der Jugendsozialarbeit. Sogar in der Therapie und der Suchtprävention werden Circuskünste eingesetzt. Die Literatur über die positiven Auswirkungen des Jonglierens, der Akrobatik und Clownerie füllt Regale.

Wie aber kommt es, dass fast alle Amateurprojekte sich ausschließlich mit Artistik, eventuell Clownerie und oft auch mit theatralischen Elementen befassen und dass es, bis auf wenige Ausnahmen, kaum Kindercircusse mit Tieren gibt? Gerade in unserer Zeit, wo man sich zunehmend Gedanken über die Bedeutung des Tieres für den Menschen macht, in der die positiven, ja sogar eindeutig gesundheitsfördernden Auswirkungen des Umgangs mit Tieren wissenschaftlich erforscht und nachgewiesen werden, in der sich die Idee der tiergestützten Therapie immer stärker durchsetzt, entwickelt sich in der Folge auch das Lernen mit Tieren zu einem immer wichtigeren Konzept der Pädagogik.

Studien über den Einfluss von Tieren auf die kindliche Entwicklung belegen:

Bei den verschiedensten Untersuchungen wurde deutlich, dass nicht der Besitz eines Tieres für die positive Entwicklung wichtig ist, sondern die Interaktion mit dem Tier. So zeigten Kinder, die in der Schule tiergestützt begleitet wurden, annähernd gleiche Werte wie jene, die mit Tieren aufwuchsen. (Alle Ergebnisse stammen aus dem Buch: Menschen brauchen Tiere. Grundlagen und Praxis der tiergestützten Pädagogik und Therapie. Herausgeber: Prof. Dr. Erhard Olbrich und Dr. Carola Otterstedt. Kosmos Verlag. Stuttgart 2003)

Unter dem Gesichtspunkt dieser Erkenntnisse ist es doch erstaunlich, dass das dritte Standbein des Circus, die Tierdressur, in Kindercircussen meist fehlt.

Folgende Gründe werden genannt:

  1. Tierhaltung ist zu aufwändig oder nicht möglich.
  2. Kinder können keine Tiere dressieren.
  3. Tierdressur ist unethisch.

 

Da es mein Wunsch und mein Ziel ist, Tiernummern in die circuspädagogische Arbeit einzubeziehen, habe ich mich gefragt: Was ist dran an den Argumenten und wie könnte man vorgehen?

 

Ist Tierdressur im Kindercircus wirklich nicht möglich, weil Tierhaltung aufwändig ist?

Tierhaltung ist ohne Zweifel tatsächlich mit großem Aufwand verbunden. Für die meisten Schulcircusse und Vereine wird es schon aus räumlichen Gründen kaum möglich sein, einen eigenen Tierbestand anzuschaffen. Aber muss den ein Kindercircus überhaupt haben, um Tiere in sein Programm einzubeziehen?

Im professionellen Circus gibt es verschiedene Möglichkeiten, Tiernummern zu zeigen: Entweder besitzt das Unternehmen eigene Tiere oder Tierlehrer werden engagiert, die ihre Tiere mitbringen. Warum, habe ich mich gefragt, sollte dies nicht auch für den Kindercircus möglich sein? Ich selbst arbeite ohnehin mit meinen Tieren, darüber hinaus haben auch viele Kinder Haustiere.Warum sollten diese nicht unsere „dazuengagierten Tierlehrer“ mit eigenen Tieren sein?

Dass dieses Konzept aufgeht, funktioniert und allen Beteiligten Freude macht, zeigen die ersten Versuche mit dem Einsatz von Tieren im Rahmen von Circuskursen, sowie meine Circusworkshops für Mensch und Hund. Wie in jedem Circusworkshop wird auch hier jongliert, es gibt akrobatische Pyramiden und Clownnummern. Mit den Hunden arbeiten die Besitzer selbst an kleinen Tricks. Und etwas Interessantes passiert: Über die Arbeit mit dem Hund lassen sich auch Erwachsene zum Circusspielen verführen. Groß und Klein arbeiten mit Begeisterung, Spaß und Ernsthaftigkeit zusammen. Tierecircus kann auch ein Projekt für die ganze Familie sein!

 

Können Kinder wirklich keine Tiere dressieren?

Wenn im professionellen Circus Kinder mit Tieren auftreten, wurden die Tiere zuvor von Erwachsenen dressiert. Die Arbeit eines wirklich guten Tierlehrers verlangt ein umfangreiches Wissen und Können. Er muss nicht nur arttypische Reaktionen und den individuellen Charakter seiner Schüler auf das Genaueste kennen, so dass jedes Tier seine Anlagen voll entfalten kann, er muss eine Persönlichkeit sein, die freundliche Autorität ausstrahlt, er benötigt eine ungeheure Selbstbeherrschung und Konzentrationsfähigkeit, Körperbeherrschung und vieles mehr. Selbstverständlich kann ein Kind, sei es noch so begabt, das nicht leisten. Es kann keinen Zwölferzug Hengste oder eine Gruppe von Tigern ausbilden. Auch ein Erwachsener, der sich nicht einer langen und gründlichen Schulung unterzogen hat, könnte das nicht. Aber Kinder können durchaus lernen, einem Hund, einer Katze, sogar einem Meerschweinchen oder Kaninchen einige Tricks beizubringen. Voraussetzung ist eine gewisse Reife des Kindes, kompetente Anleitung, die Aufsicht von Erwachsenen und eine einfache, durchschaubare Struktur des Trainings mit klaren Regeln: Clickertraining ist auch für Kinder sehr gut geeignet, während Lernformen, die Hilfestellungen des Trainers erfordern, geschulten Erwachsenen vorbehalten bleiben sollten. Neben dem Einfangen und Formen von kleinen Kunststücken können Kinder auch den Umgang mit Targets, sogenannten Zielgegenständen, lernen. Fehler, die ein junger Hobby-Tierlehrer macht, z. B. einmal zu belohnen, wo es eigentlich nicht angebracht war, oder einmal nicht zu belohnen, wo es richtig gewesen wäre, werden vom Tier gut weggesteckt und haben keine problematischen Folgen.

 

Ist Tierdressur unethisch?

Unethisch ist die Arbeit mit Zwangsmethoden. Eine fachkundige Ausbildung über positive Verstärkung kommt dem natürlichen Bedürfnis des Tieres, sich Herausforderungen zu stellen und zu lernen, entgegen.

„Ja aber“, bekomme ich in diesem Zusammenhang oft zu hören, „Sie werden mir doch nicht erzählen wollen, dass Dressur ohne Zwang und Strafen funktioniert!“ Sie funktioniert – und zwar im professionellen Circus ebenso wie im Kindercircus. Warum das so ist, ist in der Loseblattsammlung der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz, die als Anhaltspunkt für Amtstierärzte bei der Überprüfung von Circusunternehmen dient, sehr klar erklärt:

Das Tier verknüpft die Hilfengebung, seine eigenen Reaktionen und die Belohnung als „richtig“, keine Belohnung als „falsch“.

Insofern sind Strafen überflüssig. Wir arbeiten ausschließlich mit den Rückmeldungen „richtig“/Belohnung und „falsch“/keine Belohnung.

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TIERNUMMERN IM KINDERCIRCUS

Da die klassische Circus-Tiernummer mit einer Gruppe von Tieren zu anspruchsvoll ist, um von Kindern bewältigt zu werden, arbeiten wir mit überwiegend mit einzelnen Tieren, die in Akrobatik-, Clown- und Jongliernummern mitwirken.

 

Jonglage

Tiere können Jonglierrequisiten transportieren, z. B. in kleinen Wägelchen. Tiere können die „Unfälle“ kleiner Jongleure „kommentieren“. So hat meine Hündin Deli gelernt, einen zu Boden fallenden Ball als Signal zu verstehen, die Pfote vor die Augen zu legen. Mein Minischweinchen dreht sich in diesem Fall auf seinem Podest um (weil es eine solche „Stümperei“ einfach nicht mit ansehen kann).

 

Balancen (Equilibristik)

Von fachkundigen Erwachsenen ausgebildete Tiere können auch zusammen mit kleinen Balance-Künstlern eingesetzt werden, z. B. als Kugelläufer oder „Seiltänzer“.

 

Hula-Hopp

                                                                                                           

Viele Möglichkeiten ergeben sich im Rahmen der besonders bei Mädchen beliebten Hula-Hopp-Darbietungen, bei denen Hunde auf die verschiedensten Arten Reifen durchspringen.

 

 

 

 

 

Clowns

Fast unendlich sind die Einsatzmöglichkeiten von Tieren, auch von Kleintieren, in der Clownerie.

 

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                     

Carlotta, eine kleine Artistin meines Kindercircus Arlecchino, übt mit Piccolino das  Clownsentrée „Musizieren verboten!“. Als Clown wird sie später das Wägelchen mit den Rhumbakugeln schieben  und mit dem Schweinchen zusammen Musik machen. Sobald der Manegenmeister oder Weißclown auftritt und erklärt, dass hier das Musizieren verboten sei, legen beide ihre Instrumente in den Wagen, den der Clown ein Stück weiter schiebt. Die Musik beginnt von Neuem. Wieder taucht die Autoritätsperson auf, erklärt, dass „hier“ und „dort“ und überhaupt in der ganzen Manege das Musizieren verboten sei, und nimmt die Instrumente an sich.

 

 

 

 

                                                                                                                                                                                        

Zum Ende der Nummer schiebt das Schweinchen den Wagen selbst hinaus.

 

 

 

 

 

In ähnlicher Weise lassen sich viele klassische Clownnummern auf kreative und lustige Art bearbeiten. Aber auch Clownswetten kommen immer gut an. So kann z. B. ein Clown mit einem kleinen Hund auftreten und wetten, dass dieser durch eine Postkarte springen kann (durch eine bestimmte Art, eine Postkarte einzuschneiden, entsteht ein Ring, durch den der Hund dann tatsächlich hüpft).

 

Zauberei

Unsere Spezialität im Bereich der Magie: Unsere Tiere werden nicht irgendwo hervorgezaubert oder weggezaubert – unsere Tiere zaubern selbst!

 

                                                                                                      

Piccolino hat soeben einen roten Stoffknoten in den magischen Beutel geworfen. Nun zaubert er ein gelbes Tuch hervor. Und natürlich – der Beutel ist leer!

 

 

 

 

 

 

Ein Anfängertrick für kleine Magier und Hunde: Sobald die „magische Pfote“ das soeben noch leere Buch berührt, finden sich Bilder darin. Auf die zweite Berührung der Zauberpfote werden diese sogar bunt!

 

 

 

 

 

 

Akrobatik

Hunde können kleine Pyramiden durchspringen, über lebende Hindernisse hüpfen, die aus Kindern bestehen, die eine akrobatische Übung zeigen.

 

 

Wenn es ganz besonders waghalsig wird, kann man ja einen vierbeinigen Kollegen bitten zu „beten“, damit das gefährliche Kunststück auch gelingt (Deli zeigt eine schwierige Variante des Hochsitzens mit nach vorne gestreckten und aneinandergelegten Pfoten).

 

 

 

 

 

 

Klassische Tricks, Tricks mit falschem Kommando, kleine Geschichten

Natürlich können auch klassische Tiernummern oder einzelne Tricks das Programm bereichern. Sehr hübsch ist es, mit Tieren richtige kleine Geschichten zu spielen und besonders lustig sind alle Tricks mit falschem Kommando. Hier wird wahrscheinlich ein erwachsener, tiertrainingserfahrener Circuspädagoge mit in die Manege müssen – oder ist es vielleicht so, dass diese Programmpunkte ein guter Grund sind, auch die Großen mal ein wenig in der Manege mitmischen zu lassen?

 

 

Der Sprung durch den Papierreifen von Podest zu Podest erfordert Mut, Geschick und Vertrauen.

 

 

 

                                                                                                                                                                                                                 

 

Das Schweinchen auf der Rutsche – ein Klassiker für Circusschweine.

 

 

 

 

 

 

  

Lustig und eine nette Abwechslung sind Tricks mit mehreren Tieren.

 

 

 

 

                                                                                                                                                                                                         

 

Das falsche Kommando: Piccolino hat gelernt, dass er sich hinlegen soll, sobald ich „Spring!“ sage und immer wieder „ganz aufgeregt“ auf den Reifen deute.

 

 

 

 

 

 

Sobald ich mich zur Seite drehe, um mich beim Publikum wortreich zu entschuldigen, springt er sofort. Ich bin natürlich „ganz überrascht“!

 

 

 

 

 

Eine kleine Geschichte: 

                                                                                                         

Piccolino stellt die Spieluhr an. „Schlafe, mein Prinzchen“ erklingt.

 

 

 

 

 

                                                                                                                                                                                      

Das Schweinchen legt sich schlafen und wird zugedeckt. Es schnappt einen Zipfel der Decke und zieht diese noch einmal richtig hoch.

 

 

 

 

                                                                                                              Weder das Wegnehmen der Decke noch eine freundliche Aufforderung können das Schweinchen dazu bringen, wieder aufzustehen. Ich ziehe scheinbar am Schwänzchen und versuche es mit „Steh doch auf, du Faulpelz!“ – ohne Erfolg (Piccolino mag die Berührung des Schwänzchens übrigens, sonst würde er nicht so entspannt liegen bleiben). Erst, wenn das Publikum applaudiert, erhebt sich der Künstler.

 

 

 

 

In der Vorstellung benutzen wir den Clicker nicht mehr. Wir brauchen ihn lediglich zum Erarbeiten von Kunststücken. Belohnt werden die Tiere auch bei Vorführungen. Allerdings sinkt die Frequenz der Futterbelohnung mit fortschreitender Beherrschung des Tricks. Darüber hinaus können wir einzelne Kunststückchen zu längeren Ketten, sogenannten Routinen, zusammenfügen, wie das z. B. bei „Schlafe, mein Prinzchen“ der Fall ist, und sie als einen einzigen „großen“ Trick betrachten, der nur am Ende belohnt wird – dann aber fürstlich!

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PROBENARBEIT UND MÖGLICHE PROBLEME

Zur gemeinsamen Probenarbeit dürfen entweder nur Kleintiere oder nur Hunde mitgebracht werden. Mit Artgenossen unverträgliche Hunde können im Kindercircus oder in Workshops allenfalls dann eingesetzt werden, wenn eine erwachsene Begleitperson dabei ist, die das Tier im Griff hat.

Gerade im Hinblick auf eigene Hunde der Kinder muss den Eltern klar sein, dass wir über Belohnungen arbeiten. Das heißt, sie müssen einverstanden sein, dass der Hund im Training Leckerchen erhält. Die Sorge, der Hund könnte dadurch verwöhnt oder zum Betteln erzogen werden, ist bei sachgerechtem Vorgehen nicht berechtigt und die Trainingsarbeit im Circus mit dem Familienhund lohnt sich durchaus auch für die Familie selbst, da sich die Folgen dieser Arbeit immer wieder als äußerst positiv erweisen.

Verwirrend für den Hund und kontraproduktiv ist es allerdings, wenn er zu Hause von den Erwachsenen in einer völlig anderen Art behandelt wird. Daher ist bei Dressurproben die Anwesenheit der Eltern von Kindern, die mit ihrem eigenen Hund arbeiten, sehr erwünscht. So machen sie sich mit unseren Herangehensweisen vertraut und können sich auch gleich überzeugen, wie effektiv die Arbeit über positive Verstärkung ist, um sie (hoffentlich) auch im Alltag zu nutzen.

Schlecht gehaltene Tiere, wie etwa Zwingerhunde, haben sich als für den Kindercircus ungeeignet erwiesen. Zwar lernen oft gerade diese Tiere mit großer Begeisterung, da ihnen das Training Abwechslung und Zuwendung bietet, sie sind jedoch in der Regel zu unverlässig, um in der Gruppe zurechtzukommen oder gar in Vorstellungen eingesetzt zu werden.

Dass alle Tiere, die im Kindercircus eingesetzt werden, regelmäßig geimpft, entwurmt und prophylaktisch gegen Parasiten behandelt werden müssen, ist eine Selbstverständlichkeit.

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FAZIT

Die meisten Argumente gegen die Arbeit mit Tieren im Kindercircus erweisen sich in der Praxis als nicht relevant. Eigene Tiere im Rahmen eines Circusprojekts sind zwar erwünscht, aber keine absolute Notwendigkeit. Ob Kinder – ab etwa zehn Jahren – lernen können, ihren eigenen Haustieren kleine Kunststücke beizubringen, hängt einzig von der Reife des Kindes, der Auswahl geeigneter Tricks und geeigneter Herangehensweisen ab. Selbstverständlich muss der für Tiernummern zuständige Circuspädagoge die entsprechende Vorbildung und viel Erfahrung mit Tieren mitbringen. Tierdressur aufgrund positiver Verstärkung ist keineswegs unethisch – im Gegenteil: Sie ist eine Bereicherung für das Tier.

Die Probleme ergeben sich eher aus der Schwierigkeit, geeignete Trainings- und Auftrittsplätze zu finden (wer ein eigenes Zelt hat, ist fein raus!), manchmal sogar aus Vorbehalten von Eltern gegen die Arbeit mit Futterbelohnungen oder gelegentlich leider auch einer mangelhaften Haltung von mitgebrachten Haustieren.

Die Probleme sind jedoch im Vergleich zum Gewinn, den die Kinder aus dieser Arbeit ziehen, klein.

Neben all den bekannten positiven Auswirkungen der tiergestützen Pädagogik, bringt die Circusarbeit mit Tieren ganz spezielle Vorteile mit sich:

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Tschüss! Die Show ist zu Ende!

 

 

 

 

 

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