HÄUFIGE FRAGEN ZUM TRICKTRAINING

 

·        VERLETZEN TRICKS NICHT DIE WÜRDE DES TIERES?

·        SOLLTE MAN TIERE NICHT SO LASSEN, WIE SIE SIND?

·        WELCHE TIERE EIGNEN SICH FÜR DIE AUSBILDUNG?

·        WELCHE PROBLEME KÖNNEN MIT DEN TIEREN AUFTRETEN?

·        KÖNNTE MAN BEIM OPERANTEN LERNEN STATT DES CLICKERS NICHT EINFACH EIN WORT BENUTZEN?

·        WIE ALT MÜSSEN DIE TIERE SEIN, UM MIT DEM TRAINING BEGINNEN ZU KÖNNEN?

·        IST ES NICHT EINE ART VON BESTECHUNG, MIT FUTTERBELOHNUNG ZU ARBEITEN?

·        BRAUCHT MAN IM TRICKTRAINING KOMMANDOS?

·        BRINGE ICH DEM TIER NICHT DAS BETTELN BEI, WENN ICH MIT FUTTERBELOHNUNG ARBEITE?

·        IST DAS TRICKTRAINING MIT STRESS FÜR DIE TIERE VERBUNDEN?

 

VERLETZEN TRICKS NICHT DIE WÜRDE DES TIERES?

Zweifellos gibt es Tierdarbietungen, die der eine oder andere geschmacklos finden wird. Eindeutig geschmacklose Tiernummern sind allerdings selten geworden. Insgesamt halte ich die Idee, Tricks könnten die Würde des Tieres verletzen, für nichts weiter als eine Vermenschlichung. Wir Menschen sind es nämlich, die zu der Angst neigen, wir könnten uns lächerlich machen. Für das Tier selbst spielt es keine Rolle, was es lernt. Es wird immer Spaß am Lernen haben, solange es nicht überfordert wird und sofern es absolut zwangfrei und tiergerecht ausgebildet wird.

Manche Hundebesitzer beispielsweise haben eine große Abneigung dagegen, ihrem Hund Kunststückchen beizubringen und ziehen es vor, sich mit „ernsthaften Übungen“ zu befassen, Gehorsamsübungen also. Nichts gegen wohlerzogene Hunde – sie sind ausgesprochen angenehm. Dennoch dienen die sogenannten ernsthaften Übungen in erster Linie dem Wohl des Menschen, ob es nun um die Ausbildung von Gebrauchshunden oder einfach nur darum geht, mit dem Hund möglichst wenig Unannehmlichkeiten zu haben. Kunstückchen sind dazu da, Freude zu machen, dem Menschen, vor allem aber dem Tier. Zudem ist die Erziehungsarbeit irgendwann getan und erledigt, während die Arbeit an Tricks dauerhaft Beschäftigung, geistige Herausforderung und körperliche Schulung bietet.

Sehr wichtig ist es jedoch, keine Kunststückchen erarbeiten zu wollen, die einem selbst irgendwie „albern“ vorkommen. Das Tier wird die inneren Einwände des Besitzers in jedem Fall spüren und mit der Übung Schwierigkeiten haben. Wie oft habe ich schon gehört: „Meine Katze/mein Hund findet es doof, Männchen zu machen!“. In der Regel war es allerdings eher der Mensch, der diese Übung „doof“, „irgendwie schräg“ oder albern fand. Das Tier hat lediglich auf die Vorbehalte reagiert.

Alle meine Tiere lernen, aufgerichtet ein Wägelchen zu schieben (Kinderwagenschieben). Ich finde den Trick nett und er ist sehr wertvoll, weil er die Rückenmuskeln stärkt. Wenn ich jedoch bei einem Seminar merke, dass ein Teilnehmer Sorge hat, der eigene Hund könnte dabei „albern“ wirken, biete ich nach Möglichkeit statt des Wägelchens eine Spielzeugkiste auf Rädern an. So sieht die Übung für den Menschen völlig anders aus, für das Tier ist es gleichgültig, ob es einen Wagen oder eine Spielzeugkiste schiebt. Und die positive Wirkung ist dieselbe.

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SOLLTE MAN TIERE NICHT SO LASSEN, WIE SIE SIND?

Wir können unsere Haustiere und alle anderen Tiere, die in Menschenhand leben, gar nicht so lassen, wie sie sind. Das Gehirn funktioniert nach dem Prinizip „Use it or loose it“. Was nicht benutzt wird, bildet sich zurück, was häufig benutzt wird, wird aufgebaut und gestärkt. Dies erfolgt genau so, wie das z. B. bei einem Muskel der Fall ist, also tatsächlich und real auf der physiologischen Ebene. Wie wir mit unseren Tieren leben und umgehen, verändert in jedem Fall deren Gehirn – so oder so.

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WELCHE TIERE EIGNEN SICH FÜR DIE AUSBILDUNG?

Alle. Über positive Verstärkung kann man einen Wal trainieren oder auch ein Huhn. Könner schaffen es sogar, auf diese Weise ihre Aquariumsfische zum Wasserballett zu animieren. Bei vielen Arten reicht die positive Verstärkung allein jedoch nicht aus und die Bindung zwischen dem Trainer und seinem Tier wird immer die wichtigste Grundlage der gemeinsamen Arbeit bleiben.

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WELCHE PROBLEME KÖNNEN MIT DEN TIEREN AUFTRETEN?

Bei Hunden, die mit repressiven Methoden erzogen wurden, tritt meist das Problem auf, dass sie sich nicht trauen, von sich aus aktiv zu werden. Dasselbe gilt für sehr ängstliche Tiere.

Abhilfe schaffen Kreativitätsübungen. Es ist faszinierend zu sehen, wie bei solchen Übungen regelrecht der Knoten platzt. Unsere Hündin Deli beispielsweise wagte es kaum, sich zu bewegen, als sie zu uns kam. Am liebsten hockte sie möglichst still und unauffällig auf einem Gartenstuhl auf der Terrasse. In der ersten Trainingseinheit schien es fast unmöglich, sie aus der sitzenden Stellung zu bewegen und schon das Berühren eines Gegenstandes mit der Nase war zunächst ein unüberwindliches Hindernis. Durch das Bestärken der allerwinzigsten Schritte in Richtung Aktivität fasste sie schnell Vertrauen, stürzte sich mit Begeisterung auf Kreativitätsspiele aller Art und wollte die Übungen gar nicht beenden. Das Eindrucksvollste aber war, was unmittelbar nach dem ersten Training passierte. Deli rannte übermütig wie ein Welpe im Hof im Kreis. Es war wie eine Befreiung und der kleine, verängstigte Hund war nicht wiederzuerkennen.

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KÖNNTE MAN BEIM OPERANTEN LERNEN STATT DES KLICKERS NICHT EINFACH EIN WORT BENUTZEN?

Grundsätzlich ja. Das Brückensignal sollte jedoch möglichst unverwechselbar sein. Es wäre also nicht klug, ein Wort zu wählen, das auch in der Alltagssprache häufig vorkommt. Der Nachteil von Wörtern als Brückensignal ist, dass man in der Regel nicht so exakt rückmelden kann wie mit einem Clicker. Der Daumen ist einfach schneller als der Sprechapparat. Ich verwende neben einem regulären Clicker, der vor allem beim Erarbeiten neuer Tricks zum Einsatz kommt, auch einen „Zungenclick“. Dieser ermöglicht mir, im Alltag interessante Verhaltensmuster einzufangen, da ich ja nicht immer einen Clicker bei mir habe. Ist ein Trick einmal erarbeitet, belohne ich mit einem langgezogenen „Braaaaav!“. In diesem Stadium – das Kunststück ist ausgearbeitet und wird recht zuverlässig auf mein Signal hin gezeigt – muss ich ja nicht mehr innerhalb von Sekundenbruchteilen reagieren. Und lobende Wörter wie „braaav“ haben auch einen ganz großen Vorteil: Sie transportieren im Gegensatz  zum Clicker auch meine Emotion – Freude, Stolz und Begeisterung.

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WIE ALT MÜSSEN DIE TIERE SEIN, UM MIT DEM TRAINING BEGINNEN ZU KÖNNEN?

Erstaunlicherweise spielt das Alter der Tiere eine viel geringere Rolle, als man annehmen möchte. Unsere fünfzehnjährige Hündin Pamina ist ein gutes Beispiel für einen erfolgreichen Trainingsbeginn in hohem Alter, der zur Folge hatte, dass sich ihr Gesamtzustand deutlich verbesserte und Pamina wieder Lebensfreude zeigte. Unser Minipig hat bereits im Alter von zwei Monaten erste Tricks erlernt und unser Cairn-Terrier Sunny arbeitete mit drei Monaten sogar schon ein wenig in der Gruppe mit. Allerdings muss das Training an das Alter des Tiers angepasst sein und man sollte sehr genau wissen, welche Bewegungen einem älteren oder sehr jungen Tier schaden können.

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IST ES NICHT EINE ART VON BESTECHUNG, MIT FUTTERBELOHNUNG ZU ARBEITEN?

Nein. Zum einen kann man feststellen, dass die Arbeit über Belohnungen eine sehr natürliche Form ist, einem Tier etwas beizubringen. Schließlich ist Lernen auch in der Natur immer zielgerichtet. Tiere lernen, um bestimmte Dinge zu erreichen, z. B. um für die eigene Sicherheit oder die des Nachwuchses zu sorgen, um an ein Revier, einen Sexualpartner zu kommen oder eben um an Nahrung zu gelangen. Futterbelohnungen einzusetzen bedeutet allerdings nicht, dass das Tier keinen Spaß an den Übungen selbst hat – im Gegenteil!

Zum anderen arbeiten Tiere letztlich auch gar nicht für die Futterbelohnung. Wie bei uns Menschen auch verfügt ihr Gehirn über ein System der Selbstbelohnung. Immer dann, wenn Mensch/Tier eine Belohnung erwarten kann, wird der Neurotransmitter Dopamin ausgeschüttet, der ein ausgesprochen gutes Gefühl erzeugt. Das, was man als primären Verstärker bezeichnet, Futter z. B., ist also gar nicht die eigentliche Belohnung. Der Geruch, der Anblick oder die Ankündigung von Futter sind lediglich  Anlässe für die Ausschüttung von Dopaminen. Das gilt selbstverständlich auch für andere Reize, die dem Tier eine sehr angenehme Erfahrung ankündigen. Futterbelohnungen sind allerdings in Trainingssituationen praktisch, da man sie schnell zwischendurch verabreichen kann.

Dass Motivation nicht direkt, sondern nur indirekt auf Belohnungen wie z. B. Futter beruht, zeigen verschiedene Experimente an Ratten. Man mag von solchen Untersuchungen halten, was man möchte – ihr Ergebnis ist immerhin eindeutig: Schaltet man bei einem Tier das Dopaminsystem vollständig aus, ist jede Handlungsmotivation stillgelegt. Es wird inmitten von ansonsten hochbegehrten Nahrungsmitteln einfach verhungern. Gibt man einem solchen Tier jedoch Futter ein, das es gern mag, z. B. indem man dieses direkt in sein Maul steckt, wird es fressen. Es wird durch sein Ausdrucksverhalten sogar anzeigen, dass es das Futter mag, aber selbst nichts mehr dazu tun, um an dieses zu gelangen. Ohne Dopamin gibt es also keinen Belohnungseffekt und keine Motivation.

Auch wenn die Futterbelohnung letztlich nichts weiter ist als ein „Belohnungsanlass“, ist es gerade am Anfang, wenn das Tier noch nicht so trainingserfahren ist, sinnvoll, mit besonders begehrten Leckerchen zu arbeiten. Ein Hund beispielsweise, der tagtäglich Trockenfutter bekommt, wird wahrscheinlich weniger das Gefühl haben, belohnt zu werden, wenn es auch im Training Trockenfutterstückchen gibt, als wenn er etwa kleine Stückchen gekochtes Putenfleisch erhält.

Der sogenannte Crespi-Effekt bleibt bei tricktrainierten Tieren in der Regel aus. Dieser bedeutet, dass ein Tier sich weniger anstrengt, eine Aufgabe zu lösen, wenn Qualität und/oder Menge der Futterbelohnungen reduziert werden. Er lässt sich bei Lernversuchen im Labor eindeutig nachweisen.

Bei meinen Tieren und anderen vierbeinigen Trickkünstlern beobachte ich sogar die umgekehrte Wirkung: Als Belohnung für einen (bereits vertrauten) Trick sind nach einiger Zeit sogar Happen willkommen, die normalerweise liegengelassen werden.

Als ich mit meiner Hündin Deli eines Tages im Hundefutterladen war, gab mir der freundliche Ladeninhaber ein Trockenleckerchen für Deli. Ich wusste natürlich, dass sie sich aus diesen nichts macht, wollte den netten Mann aber nicht enttäuschen. Also bot ich es ihr an. Deli rümpfte förmlich die Nase. Geistesgegenwärtig gab ich ihr das Zeichen zum „Tanzen“. Deli stellte sich auf die Hinterbeine und drehte sich einmal im Kreis. „Braaav!“, sagte ich und gab ihr das Leckerchen, das sie sofort gierig verschlang. Der Blick des Ladenbesitzers war unbeschreiblich!

Der „Trick mit dem Trick“ hilft mir heute, meinen Tieren recht problemlos Medikamente zu verabreichen. Früher wurden mit Wurmkur-Paste präparierte Happen prompt abgelehnt, Tabletten wurden entdeckt und ausgepackt. Diese Probleme gehören der Vergangenheit an.

Dennoch ist es für mich wichtig, dass die Futterbelohnung niemals im Zentrum der Arbeit steht. Positive Verstärkung ist eine wunderbare Möglichkeit, das Selbstbelohnungssystem und damit den Lernwillen eines Tiers anzuregen, mehr nicht. Dort, wo das Futter letztlich die vertrauensvolle und tiefe Mensch-Tierbeziehung ersetzen soll, halte ich seinen Einsatz für fehl am Platz, unabhängig davon, ob es sich um Belohnungen oder Köder handelt. Ein reines „Konditionieren“ von Tieren mag für den einen oder anderen Wissenschaftler interessant sein, für mich als Tiertrainerin ist es das nicht, auch dann nicht, wenn ausschließlich über positive Verstärkung konditioniert wird. Eine liebe- und vertrauensvolle Mensch-Tierbeziehung entsteht nicht, indem ich das Tier füttere, sondern durch gegenseitigen Respekt, Klarheit in der Kommunikation und tiefes Einfühlen.

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BRAUCHT MAN IM TRICKTRAINING KOMMANDOS?

Nicht immer. Wenn nur ein einziges Tier einer Gruppe an einem ganz bestimmten Requisit eine Übung ausführt, genügt es, das Requisit anzubieten. Kommandos sind nichts anderes, als Wort-Signale. Natürlich benötigt das Tier ein Signal, um zu wissen, welchen Trick es wann ausführen soll. Ein Signal kann aber alles sein: ein Requisit, wie gesagt, eine Geste oder Körperhaltung des Trainers, oft schon ein Blick. Tiere lesen die Körpersprache ihres Menschen sehr intensiv. Daher sind „Sichtzeichen“ wie Gesten den Wortkommandos meist überlegen. Ich führe in der Regel beides ein.

Während es am Hundeplatz oft noch üblich ist, ein Kommando zu geben, ehe der Hund die Übung überhaupt gelernt hat, werden im Clickertraining die Signale sehr spät eingeführt. Der Nachteil der ersten Methode ist, dass praktisch nichts anderes übrigbleibt, als das Tier in die Übung hineinzuzwingen. Wenn ich „Sitz!“ sage, ehe der Hund gelernt hat, was „Sitz“ bedeutet, kann ich ihn konsequenterweise fast nur noch in diese Position drücken. Das erscheint mir unsinnig und nicht tiergerecht.

Aber auch die späte Signaleinführung hat Nachteile. Auch wenn jemand „erst mal kein Signal einführen möchte“, liest das Tier ja die Körpersprache des Menschen. Es bekommt auf diese Weise unter Umständen sehr verwirrende Signale, da diese dem Trainer gar nicht wirklich bewusst sind. Ich schleiche daher sowohl körpersprachliche als auch verbale Signale ein, indem ich die Übungen schon recht früh mit den entsprechenden Sicht- und Hörzeichen begleite.

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BRINGE ICH DEM TIER NICHT DAS BETTELN BEI, WENN ICH MIT FUTTERBELOHNUNG ARBEITE?

Jein. Ein wenig überspitzt könnte man sagen: Wir bringen den Tieren bei, auf eine angenehme Art zu betteln. Nehmen wir an, Kater Mikesch soll sich an einem bestimmten Platz aufhalten, während seine Familie isst, anstatt auf den Tisch zu springen. Wir erreichen das, indem wir Mikesch dafür belohnen, dass er auf den gewünschten Platz geht, verlängern allmählich die Zeitdauer, die er auf diesem bleiben muss, bis er schließlich das Signal „Die Menschen setzen sich zu Tisch, ich soll auf meinen Platz gehen“ zuverlässig erkennt, befolgt, und sich dort so lange aufhält, bis die Zweibeiner wieder aufstehen. Natürlich hilft hier die Macht der Gewohnheit. Es wird mit der Zeit ganz selbstverständlich, sich so zu verhalten. Dennoch wird dieses Verhaltenmuster irgendwann gelöscht, wenn es gar nicht mehr belohnt wird. Das heißt, Mikesch sollte immer wieder mal eine Belohnung erhalten. Letztlich sitzt er dort, weil er sich zum einen daran gewöhnt hat, zum anderen aber auch, weil man ja nie wissen kann, ob und wann man für dieses vorbildliche Benehmen belohnt wird. Insofern bettelt Mikesch jetzt durch vorbildliches Benehmen.

Sehr viele tricktrainierte Tiere betteln auch, indem sie ihre Kunststückchen ungefragt bei jeder möglichen und unmöglichen Gelegenheit vorführen. Ich nenne das „Turnen“. Ich gestehe, dass alle meine Tiere turnen. Da es mich eher amüsiert als stört und weil es mir große Freude macht zu sehen, wie viel Spaß sie an den Kunststückchen haben, habe ich lediglich ein Signal eingeführt („Pause!“), das bedeutet: Jetzt nicht! Alles, was du jetzt anbietest, wird ignoriert. Ein Grund, weshalb ich das Turnen bis zu einem gewissen Grad zulasse, ist, dass ich die Eigeninitiative und Kreativität meiner Tiere nicht einschränken möchte. Tiere, die auch außerhalb des Trainings „etwas anbieten“ dürfen, zeigen oft auch neue, interessante Ansätze zu weiteren Kunststückchen und ich kann auf diese Weise sehr viel im Alltag „einfangen“. Wird eine bestimmte Übung allzu häufig ohne Aufforderung gezeigt, z. B. das Hochsitzen, ignoriere ich diese, bis sie beendet wird, gebe aber gleich darauf das Kommando „sitz hoch“, um dem Tier zu signalisieren: Die Übung ist klasse, warte aber bitte auf mein Kommando.

Tierhalter, die diese Form des „kunstvollen Bettelns“ nicht mögen, schaffen Abhilfe, indem sie sehr konsequent Übungen, für die einmal ein Kommando eingeführt wurde, nur noch dann belohnen, wenn diese auch auf Kommando ausgeführt werden.

Selbstverständlich gibt es auch Tricks, die von Anfang an nur auf ein bestimmtes Signal gezeigt werden dürfen, wie z. B. das Bellen. Alles andere würde die Nerven extrem strapazieren. Hier gehe ich so vor: Ich fange das Bellen ein paar Mal mit Click und Belohnung ein, gebe gleich ein deutliches Handzeichen und ein Kommando dazu („Sprich!“) und ignoriere den Hund konsequent, wenn er es von sich aus anbietet.

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IST DAS TRICKTRAINING MIT STRESS FÜR DIE TIERE VERBUNDEN?

Wir stressgeplagten Menschen wissen, welch verheerende Wirkung Stress haben kann und können uns diesem doch nicht ganz entziehen. Kein Wunder, dass so manch einer glaubt, eine Welt ohne jeden Stress müsste paradiesisch sein! Das ist allerdings nicht ganz richtig. Ein absolut stressfreies Leben würde uns eher krank machen als glücklich, und in zahlreichen Untersuchungen sowie in Beobachtungen in zoologischen Gärten hat sich immer wieder gezeigt, dass jegliches Fehlen von Stress zu erhöhter Anfälligkeit für Krankheiten und einer kürzeren Lebensdauer von Tieren führt.

Was aber bedeutet Stress überhaupt? „Stress“ bezeichnet einen Zustand erhöhter Aktivierung des Organismus verbunden mit einer Steigerung des emotionalen Erregungsniveaus. Der Ausdruck Stress ist heute in der Psychologie bereits umstritten, da er sehr ungenau ist. Er unterscheidet nicht zwischen Stressor, dem Reiz, der den Stress verursacht, und der Stressreaktion. Diese Unterscheidung ist aber sehr wichtig, da ein und derselbe Stressor bei unterschiedlichen Individuen ganz unterschiedliche Reaktionen hervorruft: Was den einen kaum behelligt, bedeutet für den anderen unerträglichen Stress.

Wie stark dabei die Stressreaktion ist und welche Auswirkungen sie hat, hängt in erster Linie davon ab, ob ein Stressor von einem Lebewesen als kontrollierbar (die Situation ist zu bewältigen; Herausforderung) oder als unkontrollierbar (Ausgeliefertsein, nichts tun können) empfunden wird.

Welche Zusammenhänge ergeben sich nun aus der modernen Stressforschung?

Die Anfangsphase der Stressreaktion ist bei kontrollierbarem und unkontrollierbarem Stress gleich: Die neue, unerwartete, herausfordernde oder bedrohliche Situation löst eine Adrenalinausschüttung aus.

Während sich das Adrenalin über das Gehirn ausbreitet, kommt es nun im Fall einer kontrollierbaren Stressreaktion zu einer Reihe von Reaktionsketten, die allesamt positive Auswirkungen haben. Die wichtigste: Die Adrenalinrezeptoren machen das Gehirn lernbereit. Neurobiologisch gesehen ist dies einer der wichtigsten Lernmechanismen.

Tiere, die immer wieder mit Herausforderungen konfrontiert sind, haben ein besser entwickeltes, effizienteres Gehirn. Das Bewältigen neuer und herausfordernder Situationen  sind der Antrieb dazu, das Potenzial, das die Natur dem jeweiligen Lebewesen mitgegeben hat, so gut wie möglich auszuschöpfen.

Nur dann, wenn die Summe der Erregung im Gehirn eine bestimmte Grenze überschreitet, und das ist bei unkontrollierbarem Stress der Fall, werden schädliche und gefährliche Stresshormone wie Cortisol frei.

Im Tiertraining wären solche Situationen gegeben, wenn ein Tier nicht mehr einschätzen kann, was als nächstes passieren wird, wenn es also starker Überforderung, „Bestrafungen“ oder Launen des Trainers ausgesetzt ist.

Eine weitere, mit Sicherheit stark unterschätzte Quelle von unkontrollierbarem Stress im Tiertraining sind die oft nicht einmal bewussten Stimmungen, Ängste oder Selbstzweifel des Menschen, der mit dem Tier arbeitet. Steht der Mensch, aus welchen Gründen auch immer,  innerlich unter Druck, wird das Tier das wahrnehmen, kann es aber nicht einordnen. Dies wird als Bedrohung erlebt, die das Tier nicht kontrollieren kann, und führt zu schädlichem Stress. Wirklich gute Tiertrainer müssen daher nicht nur Ausmaß und Art der Anforderungen an das Tier sehr genau einschätzen können, sondern auch Meister der Selbstbeherrschung und des Selbstmanagements sein. Die meisten professionellen Tiertrainer wissen das. So erklärt es sich auch, dass das oft anstrengende und hoch anspruchsvolle Training, beispielsweise eines Filmtiers, meist zu sehr viel milderen Stressreaktionen der Tiere führt, als manch ein „Grundgehorsams-Lehrgang“ auf dem Hundeplatz.

Tiergerechtes Training fördert das Selbstvertrauen des trainierten Tieres und setzt somit die Stressanfälligkeit insgesamt herab, was sich auch außerhalb des Trainingszusammenhangs positiv auswirken wird. Findet ein Trainer das ideale Maß der Anforderung, wirkt dies wie ein „Stressimpfungstraining“. Diese positiven Form von Stress in Form von bewältigbaren Anforderungen darf und soll im Tricktraining auftreten, unkontrollierbarer Stress niemals.

Unsere Herausforderung als Tiertrainer ist es, die ideal auf jedes Tier abgestimmte Balance zwischen Anforderung und Entspannung zu finden, dabei auch selbst innerlich „in Balance“ und klar in unserer Kommunikation mit dem Tier zu sein.

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